Verschwindet der Raum?

Über veränderte Bedingungen der Wahrnehmung von Mit- und Umwelt

von Jürgen Hasse

Die Frage nach dem Raum ist naiv. Mit jedem einfachen Erklärungsversuch betritt man theoretisches Sumpfland. Was der Raum sein kann, entspricht dem, was ein Raum "für uns" sein kann. Was wir also Raum nennen, ist das, was er von sich preisgibt - oder anders herum gesagt: was wir als Raum entziffern.

Ein Raum ist in der Alltagssprache ein Zimmer, eine Stadt oder ein Land. Ein Raum ist durch seine Grenzen gekennzeichnet, die ihm ein Ende setzen und einen anderen beginnen lassen. Man kann ihn aber auch wie die Astrophysik1 als unbegrenzten Raum der Endlosigkeit denken - eine vielleicht beängstigende Vorstellung - oder als endlichen Raum ohne Grenzen.

In unserer Alltagsvorstellung ist die Weite das wohl umfassendste Merkmal, das alle Raumgegebenheiten charakterisiert. 2 Ausgedehnt ist der Raum durch die Lagebeziehung der Dinge. Aber das kann allein nicht genügen, es sei denn, man begnügt sich mit einem klinischen Raumbegriff, wie ihn zum Beispiel die Raumwissenschaften benutzen. Nimmt man aber das Phänomen der Atmosphäre3 hinzu, dann gehen die Dinge in einer erlebbaren Intensität auf, und man spürt etwas von sich selber am eigenen Leib. Dann wird die Quantität des Raumes durch eine Qualität ergänzt. Unter bestimmten Umständen erleben wir Weite ja gerade nicht im Distanziellen, sondern im Ekstatischen der Natur (z.B. im Moment des aufreißenden Himmels nach einem gräßlichen Gewitter). Weite ist dann (als Gegenbegriff zur Enge) nicht mehr mit Entfernungen von 5 oder 50 Meilen zu fassen.

Eine im Nebel dampfende Flußlandschaft könnte man so auf einem Datenschirm in dreidimensionalen Pixels präsentieren, daß sie als Raum der Distanzen erschiene. Ob wir aber in den flachen Bildern der Lichtimpulse eine das Gefühl antönende Weite des Atmosphärischen erleben könnten, muß fraglich bleiben. Trotzdem wäre auch dies ein Raum - ein echt unechter - eine simulierte Opposition zum reellen.

Schließlich sprechen wir von Denk- und Spielräumen. Das sind weder Räume im geographischen Sinne, noch solche gefühlsmäßiger Atmosphären im leibphänomenologischen Sinne. Es macht also keinen Sinn, vom Raum zu reden ohne darüber zu sprechen, welchem Zweck die verschiedenen Begriffe des Raumes dienen sollen. Diesen Zweck will ich mit Kants transzendental-ästhetischem Raumbegriff umreißen. Danach ist der Raum die reine Form der Sinnlichkeit. Der Akzent liegt auf den Erscheinungen, das heißt auf den subjektiven Bedingungen der Sinnlichkeit. 4 Zweck meiner Beschäftigung mit dem Raum wird es also sein, nach Differenzen zu suchen, in denen sich unsere Um- und Mitwelt heute zeigt. Mein Vorhaben ist damit eines der Unterscheidung von Wahrnehmungseinstellungen. Da unser Verhältnis zur Wirklichkeit als Folge der verschiedensten Formen der Beschleunigung unter einen veränderten Wahrnehmungsmodus gerät, will ich die Geschwindigkeit als Attraktor auf den Prozeß der Erkenntnisgewinnung projizieren.

"Wo sind wir, wenn wir reisen? Wo liegt dies "Land der Geschwindigkeit", das nie genau mit dem zusammenfällt, das wir duchqueren? Die Frage der Bewegung wirft wieder die des Wohnens auf. Wenn wir zum Taxifahrer sagen: "Fahren Sie SO SCHNELL WIE MÖGLICH!", was wissen wir da von der Geschwindigkeit des Taxis? IN GESCHWINDIGKEIT, das ist so ähnlich wie IN CHINA, einer anderen Gegend, einem anderen Kontinent, den wir zu kennen vorgeben." (Paul Virilio). 5

Verschwindet der Raum im Sog der Geschwindigkeit? Das hieße, die Wahrnehmung würde verschwinden. Doch betrachten wir das Verschwinden als eine Metapher des Wandels, als eine Metapher, die dem Vergessen verwandt ist! Dann steckt in Virilios Bild die Frage, ob wir unsere Wahrnehmung nach den Möglichkeiten des Tempos transformieren, ob wir durch einen neuen Kontinent hindurch die "alten" Kontinente betrachten (durch einen "Hypertext" in der Sprache von Pierre LÚvy6 ). Worin drücken sich nun jene Beschleunigungen aus, die unsere Wahrnehmung mit einem Firnis überziehen und unseren Blick in die Welt ästhetisch imprägnieren?

1. Menschen- und Datenfahrzeuge

Die neuen Fahrzeuge des öffentlichen Verkehrs sind Zeitmaschinen. Entfernungen werden mit Hochgeschwindigkeitszügen im ebenerdigen Fluge gerafft. Die neuen Medien sogenannter Kommunikation heben die Entfernungen auf - auf daß sich der Raum in eine Variable der Zeit verwandele. Im Cyperspace entsteht ein virtueller Raum als Bewegungsraum der Beliebigkeit - im Kopf. Im Hyperraum der Illusionen tritt die Bewegung auf der Stelle. Der Blick ist das Gefährt - geleitet vom echt Unechten. An die Stelle der tat-sächlichen Dinge in der Welt treten elektrische Impulse. Die Dinge, die sich präsentieren, reduzieren sich in gewisser Weise auf "Netzhautrelevanz".

Die Exotik des Intercity-Expreß (ICE) war schnell verbraucht. Das, was uns stutzen ließ, ist in Vergessenheit geraten. Heute benutzen wir ihn nur noch. Kein Staunen, Wundern oder gar Erschrecken mehr! Die Vorteile der Zeit werden genutzt - das Bewegtwerden entgeht den Sinnen: Ergonomisch geformte Sitze, Kopfhörer für diverse Bordprogramme, Videos aus dem Rücksitz des Vordermannes, getönte TV-ähnliche Scheiben, Teppichboden, Schalldämmung, High-Tech-Federung - Medien, durch die wir vergessen, was eigentlich geschieht. Ein Gefährt verwandelt sich in ein schieres Innen.

An Spektakularität wird der ICE durch den Eurostar noch überboten. Am 6. Mai 1994 eröffnete die Königin von England den 50 km langen Eurotunnel, der Calais und Folkstone mit einem Schienenstrang verbindet. Das Hinuntergleiten des Zuges in die Tiefe von 135 Meter unter den Ärmelkanal entzieht sich der Spürbarkeit: Anästhesie durch Druckausgleich! Die Fahrt ähnelt dem Besuch eines Kinos. Aber das Kino verändert seinen Ort nicht. Der Zug frißt den Raum auf und führt dabei an einen reellen anderen Ort.

Nichts anders bahnt sich auf den Meeren an. Die neuen Großkatamarane der schwedischen Reederei Stena Line (Produktreihe "Stena HSS" - High Speed Sea Service) halbieren seit dem letzten Herbst die Zeit der Überfahrt von England nach Irland. Mit 75 Stundenkilometern gleiten 1.500 Passagiere und 375 Autos über die See. Die beiden Rümpfe sind aus Aluminium. Vier Gasturbinen bringen zusammen 80.000 PS auf. Sie arbeiten wie Flugzeugtriebwerke. Wer sich so fortbewegt, kann das Erleben einer Reise nur noch aus der vergangenen Kindheit erinnern. Die Langsamkeit der Fortbewegung, die Spürbarkeit des Windes, der Geruch der Luft auf dem Meer, das Fühlen leichten Schwankens in den Wogen der See oder das angsteinflößende Stampfen im tobendenden Sturm - diese Eindrücke sind in diesem neuen Transportprojektil nicht mehr zu haben. In der Stena HSS sitzen die Fahrgäste auf einem 40 Meter breiten Passagierdeck - abgeschirmt von Sonne, Luft, Wind und Wetter. Das Schiff hebt an, zu verlassen, worauf es fortzukommen gilt. Nicht nur das Fahren wird tendenziell zum Fliegen, auch das Schwimmen geht in die Luft.

Im Cyberspace tritt die ganze Wucht der neuen Technologien zu Tage. Sie setzt uns einem Grat zwischen Hoffnung und Schaudern aus. Der elektronische Raum schafft eine illusionierte Oberfläche rasender Lichtimpulse - Suggestion abgründiger und ausgedehnter Tiefe. Seiner Möglichkeit nach verdankt er sich allein einer Beschleunigung datenprozessierender Maschinen. Das Agieren (auf Zeit) im Cyberspace vollzieht sich aber noch immer am eigenen Leib! Hätten wir nicht im leibphänomenologischen Sinne7 das Gewitter auf freiem Felde als Gänsehaut schon einmal zu spüren bekommen, könnte uns dasselbe technisch simulierte Naturereignis nicht den Atem verschlagen und uns in Angst und Schrecken versetzen.

Zwischenbilanz:

Die Beschleunigung tritt im wesentlichen in zwei technologischen Formen auf, die beide das Raumerleben verändern:

  1. Die kinetische Beschleunigung erhöht die Geschwindigkeit des Fortkommens. Räumliche Distanzen bestehen zwar rein metrisch fort. Sie werden aber in eine Frage der Zeit uminterpretiert.
    Die Geschwindigkeit der vorbeifliegenden Bilder veroberflächlicht das Raumerleben. An die Stelle eines zähen aber kontinuierlichen Wechsels besonderer Umgebungen tritt ein Fluß von Bildern. Das Besondere verschwindet in kulissenhaften Artefakten. Der Raum der Lanschaften verwandelt sich in ein Videoclip.
  2. Die Beschleunigung des Datentransfers bringt die Distribution von Text, Ton und Bild in die einheitliche Form eines Datensatzes. Die Wahrnehmung der Menschen wird damit tendenziell computierbar. Der Blick auf den Bildschirm verlangt vom Betrachter (der zum "Anwender" wird) kein Nach-Denken mehr - er verlangt erinnerbares Wissen um die globalen Koordinaten, an denen man Informationen tauschen kann. Trotz allem hebt noch nicht einmal die "Verkabelung" der Welt das Verhältnis von Zentrum und Peripherie auf. Es gibt immer Schaltzentralen, je nach ökonomischem oder politischem Interesse und Erfordernis. Aber die Zentren selber büßen ihre Ortsgebundenheit ein. Da sie in Datennetzen "verortet" sind, werden sie flexibel. "Das Zentrum verschiebt sich, aber es befindet sich stets irgendwo" - nicht mehr nach den Maßstäben der Geometrie des Raumes, sondern nach denen der Geometrie der Macht (Virilio). 8

Die Implosion des distanziellen Raumes wird dort am weitesten voranschreiten, wo sich ein schwarzes Loch der Macht bildet - eine maximale Gravitation machtausdehnender Information. Datennetze können zwar im Prinzip von jedermann mit Informationen gespeist werden. Doch allein ihre Beherrschung entscheidet über die gewinnbringende Nutzung. Im Mittelalter war den Bauern unter der venezianischen Vorherrschaft im Mittelmeerraum die Brieftaubenhaltung verboten: "Der Taubenschlag war sozusagen das Tele-Terminal des Grundherrn." 9 Heute sind es nicht mehr nur die Mittel, die die Macht garantieren. Eher sind es die Codes, die die Wege zur Entzifferbarkeit der Daten zugänglich machen - oder versperren.

2. Streit ums Wissen als Widerstreit

Die Metaphern vom Verschwinden des Raumes sprechen von einer Maschinisierung der Wahrnehmung, von einem Prozeß, der von hochschuldidaktischer Brisanz ist. Ich möchte zwei Wege skizzieren, sich der darin liegenden Aufgabe zu stellen.

Erstens: Wenn schon alles schneller wird und die Halbwertzeit fest geglaubten Wissens sinkt, bleibt auch in der Lehre nur der Weg der Beschleunigung: noch mehr Wissen in noch kürzerer Zeit. Das Projekt der universitären Bildung ist zu verwandeln in ein Wissensprojektil.

Zweitens: Im Wege der Bildung und auf den Pfaden einer transdisziplinären Lehre ist gegen jene disziplinäre Taubheit zu opponieren, die jede Frage nach dem Ganzen zur Ruhe stellt. Dies hieße Fragen zu stellen, die den schnellen Lauf der Dinge und der Wissensvermehrung ins Stocken brächten, um wach zu werden für den Blick ins Detail und Differente.

Beide Wege fordern ihre je eigene Strategie zur Bewältigung eines Widerstreites (Lyotard 10 ) zwischen dem, was im schnellen Durchflug noch erkannt und dem, was in Schemen verschwimmt - oder (in der Sprache Lyotards) zwischen dem, was ausgesagt werden kann und dem, was unsagbar bleibt. Es geht um die Frage, welche Erkenntnishaltung zum Verhältnis von Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit eingenommen werden soll. Auf meine Frage an Studierende der Geographie, was Kinder der Grundschule über das Medium 'Wasser' wissen müssen, erhalte ich zwei Antworten, die den Widerstreit veranschaulichen: Eine Studentin will wesentliche Prozesse des Wasserkreislaufes erklären, die andere will mit Wasser Geräusche machen.

2.1. Vom Projekt der universitären Bildung zum Wissensprojektil

Der immerhin denkbare Entschluß einer Beschleunigung faktischer Wissensvermehrung wäre eine lineare Reaktion auf die Vermehrung der Wissensbestände. Aber sie säße von vornherein der Vergeblichkeit der Quadratur des Kreises auf, denn der maschinenbedingten Wissensvermehrung ist mit der Natur des menschlichen Gehirnes nicht nachzukommen. Der Preis dieser Strategie wäre das Vergessen einer zentralen Aufgabe der Aufklärung: der Differenzierung der Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber der Wahrnehmung selber. Wer Lehrende und Lernende in ein Wissensprojektil einschließt, zieht deshalb zugleich mehrere Kritiken auf sich. Ich beschränke mich auf vier:

  1. Das Menschliche des Menschen, seine Einbildungskraft, wird ausgegrenzt. Der Einzelne wird damit tendenziell einer Kontrollgesellschaft zugearbeitet, die sich über datenprozessierende Maschinen steuert.
    Die Institutionen der Bildung arbeiten der Subversivität der Einbildungskraft entgegen, denn durch eine Beschleunigung des Wissenserwerbs stumpfen sie die Sensibilität zur Selbstwahrnehmung ab. Die Einbildungskraft muß aber subversive Potentiale entfalten, wenn man den Technologien der Macht noch Paroli bieten will.
  2. Eine Beschleunigung der Wissensakkumulation spiegelt die Teilhabe an einem Kapitalismus der Überproduktion. Die Kontrolle dieses Systems ist ein Spiel der Macht. Das können nur die gewinnen, die über die Fähigkeit besitzen, Wissensbestände verfügbar wie unverfügbar zu machen. Aber nicht nur die Datenbanken werden ent- und verziffert; auch ihre Nutzer. Haben diese gelernt, sich durch fertiges Wissen fertigen zu lassen, werden sie selbst zu Datenspeichern beliebiger Verfügbarkeit.
  3. Eine Beschleunigung der Wissensakkumulation macht die Individuen zu Eroberten einer Kontrollgesellschaft (Deleuze11 ), zu Teilen der Maschine selbst. Diese legt ihnen das "elektronische Halsband" (Deleuze) einer Bildungsmaschine an, die die fortwährende Rückkehr an die Tröge des Wissens verordnet, denn das Wissen von heute ist schon morgen nur noch die Hälfte wert.
  4. Auf dem Niveau der Bits verschwindet jede Sinnlichkeit und damit auch die Einbildungskraft. Die Einschließung des Denkens in disziplinäre Durchlauferhitzer bewirkt strukturelle Verdummung auf hohem intellektuellem Niveau. Aus einem Ghetto hermetischen Denkens kann man aber nicht fragen, wofür man in Dienst genommen wird.
In der Präferenz des begriffshygienisch Denkbaren offenbart sich der spezifische Unfall der Wissenschaft als System in "epistemotechnischer" Hinsicht, wie Virilio sagt. 12 Konstruiert wird ein Individuum, das zwischen den Wissensterminals surft, ein Individuum, das nach dem Maß des Zweckmäßigen denkt - also instrumentell. Es ist autonom und mobil, weil es nomadisiert. Es bewohnt zwei Städte in einer. Die eine ist ein "Amalgam von Beziehungen und Interaktionen zwischen Subjekten und Objekten".13 Die andere ist dieselbe, aber sie wird im Walkman-Effekt zur Kulisse. Dieser Effekt regelt Verhältnisse der Beliebigkeit von Berührung, und nicht mehr Verbindlichkeit. Das allein wissende Individuum wird ortlos und schaltbar.

Im Bild dieser transurbanen Erfahrung entspricht das Wissen einer Art Vorort, zu dem man keine besondere Bindung hat. Man tauscht diesen Ort bei Bedarf gegen einen anderen - und nimmt "Platz" im Internet, auf jenem Kontinent der Geschwindigkeit (Virilio), der von seinen Bewohnern eine maschinentaugliche Wahrnehmung verlangt. Mit der Stärkung faktischen Wissens bei gleichzeitiger Schwächung emanzipatorischen Wissens fallen die Lernenden den Technokraten der Macht (Foucault14 ) zu. Sie werden an Punkten imaginärer Bibliotheken verortet und herausgelöst aus einem Netz chaotisch-mannigfaltiger Fragen. Die Antworten bleibt sich schuldig, wer einen Weg des Anschlusses an die allgemeine Beschleunigung in der Beschleunigung seiner selbst sucht - in dem, was man 'intelligentes Denken' nennen könnte:

"Er war so begierig zu wissen, dasz er mit geschäftiger geschwindigkeit der fragen meine antwort verhinderte." (Goethe). 15

2.2. Der Weg der Bildung: Das Selbstgespräch auf der (verwischten) Grenzlinie des Menschlichen (Baudrillard 16 )

Mit der Beschleunigung 'intelligenten Denkens' mag es vielleicht gelingen, das deklaratorische Gedächtnis in der Sterilisierung eines begriffslogischen Raumes zu stärken. Auf der Strecke dieser Selbstbeschleunigung bleibt aber der dem Statthalter von Wissen vorausgehende Mensch, der kraft seiner Geschichte zum Erleben immer noch fähig ist. Sonst würde er noch nicht einmal kulturindustriell mehr funktionieren.

Wenn Universität sich auch in der Lehrerausbildung oberhalb einer Wissensmachinerie behaupten will, wären Räume des Nach-Denkens zu sichern und auszubauen. Erst dann könnte eine puristisch wissensorientierte Lehre konstruktiv daraufhin analysiert werden, wem sie eigentlich einen Nutzen bringt.

Ein landläufiges Programm gegen die Beschleunigung zielt - nicht zuletzt in der Pädagogik - auf chronologische Verlangsamung ab. Doch damit dürfte nicht viel gewonnen sein. Zum einen prallt das Plädoyer schon an der Gegenfrage ab, wie denn Verlangsamung unter dem Druck der Beschleunigung überhaupt erreichbar sein soll, außer in Worten und Programmen. Zum anderen scheint es in seiner Pauschalität den Verhältnissen nicht gerecht zu werden, die technologisch und wahrnehmungstheoretisch solche der Beschleunigung sind.

An den Ausgangspunkt meiner Überlegungen will ich deshalb eine auf den ersten Blick zynisch anmutende Hypothese stellen. Sie setzt im Sinne von Baudrillards "fataler Strategie" auf eine Überbietungslogik, wonach Beschleunigung nur mit Beschleunigung begegenet werden kann. Allerdings nicht aus einer affirmativen, sondern einer kritischen Haltung heraus. Wer in einem Zug dahinrast, hat in Sachen "Verlangsamung" gut reden. Er kann abspringen oder "aussteigen", um das Tempo, die Leichtigkeit des Fortkommens, die Geschwingkeit und das flüchtige Sehen 'hinter sich zu lassen.' - Aber das Bild reißt in sich selber, denn einen rasenden Zug kann man nicht hinter sich lassen. Er schießt nach vorne weiter. Was wäre gewonnen - ohne die Chance, je wieder einsteigen zu können?

Qualitativ langsamer kann erst werden, wer vom Zug abspringt, um ihm noch schneller vorauszueilen und im Aufholen des Zuges Zeit des Nach-Denkens zu gewinnen. Es gibt mehrere Gründe der Beschleunigung, vor allem im Felde der Technikphilosophie. Ich will mich mit einem erziehungswissenschaftlichen Grund begnügen. Danach spricht für eine aufholende Beschleunigung nicht ein immer irgendwie begründbarer Mangel an Wissen, sondern das Bildungserlebnis des Stillstandes. Es führt die Geschwindigkeit selbst als Unfall vor, denn der Unfall geht dem katastrophischen Ereignis voraus. 17 Der Unfall ist also vor dem Ereignis da, und bildungspolitisch arbeiten wir an seiner möglichen Choreographie im Metier des toten Denkens der Begriffe. Eine ihrer Grundfiguren ist das Leibvergessen (ganz zu schweigen von dem Vergessen der Vernunft, die sich durch ein transversales Vermögen der Kommunikation zwischen den Rationalitäten auszeichnet). Daß dies kein besonders neues Thema ist, ändert nichts an seiner aktuellen Brisanz (es zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der menschlichen Zivilisation).

Aufwärts
"Wie komm┤ ich am besten den Berg hinan?"
Steig┤ nur hinauf und denk┤ nicht dran! (Nietzsche) 18

Das Vergessen, von dem hier die Rede ist, ist ein anthropologisches. Es sollte Aufgabe der Bildung sein - nicht zuletzt der universitären - diesem Vergessen entgegenzuarbeiten, denn es bringt Aufklärung zum Stillstand. Zur Aufklärung gehört mehr als nur ein intellektuelles Vermögen der Reflexion. Die Lektionen, die der philosophische Postmodernismus erteilt hat, suchen deshalb ja nicht zuletzt im Metier des Ästhetischen die Aufklärung über die Aufklärung wieder in Gang zu bringen. Im bildungstheoretischen Diskurs steht daher auch die Vervollständigung des Bildes vom Menschen zur Disposition, denn die Sinne und der Leib gehören zur Natur des Menschen. Es geht aber auch um die Wachheit seines Denkens. Und sie bedarf in der Zeit der Beschleunigung und Ästhetisierung nicht zuletzt der Rettung dessen, was in gesprochenen Gedanken nicht ausgesagt werden kann.

Ich komme zurück zum Widerstreit zwischen den Vermögen des Subjekts, sich theoretisch und ästhetisch zur Welt zu verhalten. Beide Sprachen sind sich inkommensurabel. Sie vermögen sich nur stolpernd einander anzunähern. Dieser Widerstreit ist aber nicht nur einer der Sprachen des Menschen. Er drückt zugleich eine fundamentale Trennung des Individuums von der Welt aus, denn seine Identität ist eine der Differenz. Eine uns emotional ergreifende Situation werden wir in keinen angemessenen Gedanken fassen können. Durch unser anthropologisches Vergessen, durch die Schule der Abstraktion vom eigenen Selbst, haben sich unsere Erkenntismittel geschwächt, damit auch unsere Fähigkeit zur Kritik. In einer Zeit, in der sich die Ausbreitung des schönen Scheins beschleunigt, ist aber gerade das ästhetische Vermögen des Selbst-verstehens in der Situation der Betroffenheit vom Schein des Schönen von nöten. Nietzsche hat viele Themen der Postmoderne vorweggenommen. So hat er auch die Erinnerung des Sinnlichen und Leiblichen reklamiert:

"Der Leib ist eine große Vernunft, eine Vielheit mit einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine Herde und ein Hirt.

Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du "Geist" nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner großen Vernunft." 19

Der Leib als Ort der Vernunft, als ein Medium, das das Denken lenkt? Dem Leib wird eine Wahrnehmungskompetenz zugesprochen, die nicht auf das eine oder andere Sinnesorgan zu reduzieren ist. Die Forderung nach einer vermehrten Aufmerksamkeit gegenüber dem Sinnlichen wird in der Naturphilosophie zunehmend laut - als Veto gegen einen kognitivistisch vereinseitigten Begriff der Kritik. Doch scheint außerhalb der Pädagogik (und ganz weniger Fachdidaktiken) dieser Einspruch als ergänzende Basis der Kritik nicht anerkannt zu werden. Die Befragung der Erkenntnis über die eigenen Grenzen (Foucault) verhakt sich im Sinnlichen, wenn man von der Wahrnehmungsquantität zur -qualität schwenkt. Damit treten aber nicht nur die Erkenntnisbegrenzungen des Lernens zu Tage. In dieser Befragung der Erkenntnis zeigt sich auch, daß wir den Technologien der Macht strukturell erliegen, wenn wir die Sprache unserer Sinne weiterhin der Kulturindustrie überlassen, anstatt ihr das Recht eines Vetos zuzugestehen - auch gegen "besseres Wissen".

Verlangsamung - auch in der Hochschullehre - ist nicht aufs Chronologische begrenzt. Sie ist eine strukturelle, die den Unfall im Denken erkennt, bevor das Unfallereignis eintritt, bevor wir im Denken die Orientierung verlieren. Für die Erziehungswissenschaft wie die Fachdidaktiken stellt sich nicht die Aufgabe einer Vergrößerung der Wissensräume. Dagegen drängt die Option der Beschränkung - zum Zwecke der Sichtbarmachung von Strukturen der Wahrnehmung unter den verschiedenen Vorzeichen der Beschleunigung.

H. Böhme plädiert für die Einübung des "bösen Blickes",20 G. Böhme für den "blöden Blick",21 damit die Vertrautheit des gewohnheitsmäßigen Sehens aufbricht und an deren Stelle Fremdheit tritt. Der fremde Blick "wird zum Baggerarm, der die Fassaden des Ichs einreißt." 22 Die Orte des Fremden liegen zum Beispiel in der dauernden Anschauung - der Dinge und Situationen in den Städten, in den Dörfern und in der Natur der Wiesen und Wälder. Hier sind die Orte, an denen die Welt sich selber zur Sprache bringt. Sie lassen Atmosphären entstehen, die man am eigenen Leib spüren kann - die man eben nicht allein mit den Augen nur sieht. 23 In der Sensibilisierung für die Wahrnehmung durch den Leib, für den unaufhebbaren Zusammenhang von denkendem Geist und fühlendem Leib liegt ein erkenntnistheoretisches Veto, das sich gegen das Oberflächliche und die Beschleunigung der Wahrnehmung richtet.

Martina Koch will zu diesem Zwecke das Vergehen konservieren. 24 Sie schlägt den Weg der "Durchquerung des Materials" vor, 25 um seine Klüfte mit Lust, Affekt und Fragen zu füllen - bis es platzt. Durchquerung ist an das Tun gebunden - mehr als an das Be-Denken des Materials. Im Durchqueren schießen die Differenzen am Material zu einer mannigfaltigen Situation zusammen, zu der der Betrachter selbst gehört.

Konstruktiv gewendet, schließt sich nun kein Plädoyer für esoterisch anmutende Übungen zum Kapitel "Lernen mit allen Sinnen" an, sondern eines für eine praktische Arbeit mit reellen Dingen (der Natur), für eine Arbeit, die alle Sinne beansprucht und darauf setzt, daß das Stutzen an einem Punkt gegenläufigen Erlebens einsetzt, um den Damm vorgängiger Deutungen, Ordnungen und Orientierungen zu sprengen. Aufgabe der Lehre in Schule und Hochschule wäre es deshalb nicht nur (um ein Beispiel aus der Geographie zu skizzieren), einen Stein als Granit identifizieren und geologisch klassifizieren zu können. Es wäre auch erfahrbar zu machen, welche Funktion der Granit als Hypertext in der postmodernen Architektur in sozialen Systemen haben kann und warum wir uns von seinem schönen Schein das Vermögen zur Kritik so erfolgreich vernebeln lassen. Eine Geologie der Gesteine und eine Archäologie der präsentativen Symbolik werden zu einer Sache.

Die Analyse der Bodenwerte eines Citybezirks macht stadtgeographisch das ökonomische Relief eines Mikroraumes sichtbar. Dieser abstrakte Wert verlangt zur Erwirtschaftung eines 'angemessenen' Profits u.a. der Investition symbolischen Kapitals. Das kann man theoretisch begreifen. Die Funktion kann aber auch gewissermaßen 'im Prozeß' emotional über das Erleben von Atmosphären wahrgenommen werden, um den Zusammenhang von Form und Inhalt sodann der kritischen Reflexion zugänglich zu machen. Die Ästhetisierung von Naturstoffen in der Architektur soll affizieren, sich dem Denken im Gefühl ja entgegenstellen. Die Sprache der Objekte ist keine theoretische, sondern eine ästhetische, und als solche trifft sie den Leib und nur der Möglichkeit nach auch den reflektierenden Geist.

So läuft Verlangsamung erkenntnistheoretisch auf eine Vertiefung von Einsichten hinaus. Die fachwissenschaftliche Kompetenz ist ein Fundament. Dieses ist transdisziplinär (Mittelstraß 26 ) und transrational in problemorientierter Perspektive erweiterungsbedürftig, denn die Wurzeln, aus denen die Phänomene ihre ästhetische Gestalt finden, hängen zusammen. Der Erkenntnisprozeß wird entschleunigt, indem die Akkumulation fertigen Wissens gedrosselt aber zugleich doch eine Erkenntnishaltung in Anschlag gebracht wird, die nach Differenzen sucht; nach Differenzen zwischen dem, was durch die begriffliche Sprache verfügbar gemacht wird und dem, was davon ausgeschlossen bleibt.

"Theorie ist zentral. Sie gleicht einem Feldherrn, steckt strategische Knöpfe, doch Blut will sie nicht sehen, höchstens, um den Anteil der Leukozyten festzustellen."

"Abstrakte Sprache ist zentral, "wahrnehmen" provinziell." 27 (Waldvogel).

Die eingeklagte Analyse ist eine transversale, und ihre Aufgabe wäre eine der Aufklärung, ihr Ziel die fallweise Emanzipation von den Strategien der Macht (Foucault28 ), die die Menschen in den Gesten geschönter Versprechen gefügig machen. Die politische Kompetenz zur Kritik läge darin, die Substrate der Technologien der Macht in ihrem ideologischen und darin konstruktivistischen Charakter zu entziffern.

Man mag einwenden, daß dieses Programm zur Lösung des Widerstreites nichts beitragen könne, der in den Statements zweier Studentinnen zum Ausdruck kam: Die eine wollte die wesentlichen Prozesse des Wasserkreislaufes erklären, die andere mit Wasser Geräusche machen. Eine Lösung des Knotens, den dieser Widerstreit hinterläßt, ist sicherlich auch nicht auf dem Niveau der Inhalte zu erwarten. Sie liegt vielmehr auf einer erkenntnistheoretischen Ebene, dort, wo aus einer Haltung der Erkenntnis danach gefragt wird, was von der Erkenntnis ausgeschlossen bleibt, sobald man eine bestimmte Erkenntnishaltung einnimmt. So macht das Wasser-Geräusch (i.S. eines Sinnenbewußtseins29 ) bewußt, daß ein Phänomen immer in zwei strukturell verschiedenen Ebenen erfahren werden kann (einer theoretischen und einer ästhetischen). Aus dem Wissen, daß für die "Rettung" des Hollywood-Killer-Wales "Willy" ganze 7 bis 8 Millionen US-Dollar aufgebracht worden sind, stellt sich zum Beispiel dann die folgende Frage: Worin liegt die gesellschaftspolitische und ideologische Funktion eines durch die Medien gerdezu ausgeschütteten Mitgefühls? Dient das Ganze etwa gar nicht der Rettung eines Individuums? Ist es vielmehr eine obszöne Verschleierung des Raubbaues an der Natur schechthin - ein politischer Versuch der Rettung der Utopie, daß es eine Versöhnung mit der Natur doch noch geben kann - aller Apokalypsen zum Trotz?

Im Streit ums Wissen geht es nicht um die Rettung der Fakten. Es geht um die Gewinnung einer Kompetenz zur strategischen, archäologischen und genealogischen Analyse, die uns verständlich machen könnte, wie sich gesellschaftliche Zustände mit Akzeptabilität ausstatten. 30

Nietzsche, F. (1978): Sämtliche Werke: Götzendämmerung, Der Antichrist, Ecce homo, Gedichte, Suttgart, S. 517.

  • Nietzsche, F. (1883): Also sprach Zarathustra, Werke in drei Bänden, Bd. 2, München und Wien, S. 300.
  • Vgl. ebd.
  • Vg. Böhme, G. (1989): Für eine ökologische Naturästhetik, Frankfurt/M., S. 185.
  • Böhme H. (1988): Natur und Subjekt, Frankurt/M., S. 231.
  • Zum Begriff der Atmosphäre vgl. Schmitz, H. (1992) sowie Böhme, G. (1995): Atmosphäre, Frankfurt/M. Ich habe die Bedeutung des Atmosphärischen für die Geographiedidaktik erörtert in Hasse, J. (1995.1) [Gefühle im Denken und Lernen. In: Ders. (Hrsg. 1995): Gefühle als Erkenntnisquelle, Frankfurter Beiträge zur Didaktik der Geographie, Bd. 15] sowie mediendidaktisch im Hinblick auf Materialien in Hasse, J. (1995.2) [(Im-)Materialien, ebd.].
  • Vgl. Koch, M. (1994): Konservierungen. In: Koch, M. / Maset, P. (Hrsg.): Konservierung. (Ausstellungskatalog) Hamburg, 1994, S. 33 - 44 (S. 33).
  • Vgl. ebd., S. 43.
  • Vgl. Mittelstraß, J. (1989): Der Flug der Eule, Frankfurt/M., S. 72 ff.
  • Waldvogel, M. (1995): Philosophie der Provinz, Wien, S. 40 und 48.
  • Vgl. Foucault, M. (1990): Was ist Kritik?, Berlin, S. 40.
  • Vgl. Zur Lippe, R. (1987): Sinnenbewußtsein, Reinbek.
  • Vgl. Foucault, M. (1990), a.a.O., S. 39. Kommentare Fragen und Anmerkungen werden von der Professur Ritter weitergeleitet.