In diesem Referat werden mögliche Gefahren des Internet behandelt. Internet ist eine wesentliche Komponente der "digitalen Revolution" bzw. der Computerisierung unserer Freizeit- und Arbeitswelt. Mögliche, kritisch zu bewertende Auswirkungen dieser "digitalen Revolution" - nichts anderes verstehen wir hier unter Gefahren - sollen kurz dargestellt werden. Wir verlassen damit zum Teil bewußt den Rahmen einer Betrachtung des Internet in der heutigen Ausprägung und arbeiten mit einem visionären Ausblick auf die möglichen Auswirkungen der kommenden digitalen Revolution. Eine Bewertung dieser Auswirkungen und damit der zugrundeliegenden Vision wird immer subjektiver Natur sein und bietet dem Plenum sicherlich genügend Diskussionsstoff. Dieses Referat versteht sich damit ausdrücklich als Diskussionsgrundlage. Das Referat verfolgt somit weniger das Ziel eine abschließende Bewertung herbeizuführen, sondern vielmehr zur Bewußtseinsbildung über mögliche Gefahren beizutragen.
Soziale Auswirkungen
Das Internet ist ein Informations- und Kommunikationssystem. Insbesondere die Eigenschaft des Internet ein - weltumspannendes - Kommunikationssystem zu sein, macht es zu einem sozialen System (vgl. Vallee, S. 79). Kommunikation, damit ist in diesem Referat zwischenmenschliche Kommunikation gemeint, unterscheidet man in unmittelbare und mittelbare Kommunikation. Als unmittelbare Kommunikation wird die sogenannte "face to face - Kommunikation", d.h. jene Kommunikation, die sich über alle Kanäle der zwischenmenschlichen Sinneswahrnehmung vollziehen kann, verstanden. Im Unterschied dazu ist die mittelbare Kommunikation medienvermittelt und verliert dadurch an Bezug zu konkreten Personen und Situationen (vgl. Rammert, S. 19 - 20). Die Kommunikation per Internet bzw. die Kommunikation mit Hilfe vernetzter Computer ist eine mittelbare Kommunikation mit allen Vor- und Nachteilen der mittelbaren Kommunikation. Von nicht bestreitbarem Vorteil ist sicherlich die Möglichkeit mit einzelnen oder mehreren Personen, die voneinander durch viele Kilometer getrennt sind, online zu kommunizieren. Eine gefährliche Auswirkung der digitalen Revolution wird jedoch die Abnahme der unmittelbaren Kommunikation sein, dies soll nachfolgend am Beispiel der Heimarbeit verdeutlicht werden:
Die Heimarbeit erlebt durch die digitale Revolution eine Renaissance. Zunehmend sind Arbeitnehmer, dies gilt vor allem für die Dienstleistungsbranche, durch PC, Laptop und Modem unabhängig - räumlich betrachtet - von ihrem Arbeitsplatz in einem Betriebsgebäude. Ein Telefonanschluß ermöglicht ihm den Zugriff auf die für seine Arbeit notwendigen Programme und Daten seines Unternehmens. Für Unternehmen ist Heimarbeit mit mehreren Vorteilen verbunden - auf die an dieser Stelle wegen der gebotenen Kürze nicht näher eingegangen werden kann - und es ist davon auszugehen, daß die Zahl der Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz zu Hause haben werden, in den nächsten Jahren/Jahrzehnten in nicht unbeträchtlichen Maße steigt. Eine Folge dieses Trends ist eine massive Zunahme der mittelbaren Kommunikation, verbunden mit einer Abnahme der unmittelbaren Kommunikation. Face to face - Kommunikation mit Kollegen ist von zu Hause aus nicht mehr in der heutigen Form möglich. Dies ist nicht unproblematisch, befriedigt die Kommunikation mit Kollegen nicht nur funktionale Kommunikationsbedürfnisse, sondern auch soziale und emotionale Bedürfnisse (vgl. Mettler-Meibom, S. 69). Man stelle sich nur einen neuzugezogenen Single in einer Großstadt vor, der, um seine sozialen Bedürfnisse zu befriedigen, auf den Abend und damit Sportvereine, Kneipen etc. angewiesen ist, weil er tagsüber alleine in seiner Wohnung vor dem Bildschirm sitzt und lediglich mittelbare Kommunikation mit seinen Kollegen hat.
Wie eben gezeigt führt Heimarbeit zu einer massiven Abnahme der unmittelbaren Kommunikation. Der Mensch benötigt jedoch unmittelbare Kommunikation, um sein Bedürfnis nach körperlicher Nähe, emotionaler Sicherheit, geistiger Orientierung und Verhaltenskompetenz zu befriedigen (vgl. Mettler-Meibom, S. 67). Wenn diese Bedürfnisse nicht mehr in ausreichendem Maße befriedigt werden führt dies zu einer zunehmenden Vereinsamung des Individuums, die sich in unserer heutigen Gesellschaft nicht immer durch Nachbarschafts- und Familienbindungen ausgleichen läßt (vgl. Müller-Lutz, S. 29). Dieses Ergebnis erscheint in noch dramatischerem Licht, wenn man davon ausgeht, daß in einer digitalen Gesellschaft vom Lebensmitteleinkauf über die Erledigung von Bankformalitäten bis hin zum Ämtergang fast alles von zu Hause erledigt werden kann und damit die sozialen Kontakte auf ein Mindestmaß reduziert werden
Mißbrauch und Kontrolle durch das Internet
Weitere Fragen, die zur Diskussion gestellt werden soll, ist die Frage des Mißbrauchs des Internets und die Frage nach Kontrolle des Internets.
Mißbrauch kann auf zweierlei Arten geschehen. Eine Form des Mißbrauchs besteht darin - wie wir es heute leider schon kennen -, daß "Freunde der Kinderpornographie", radikale politische Gruppierungen usw. das Internet als ihre Plattform mißbrauchen. Es stellt sich das Problem Wege zu finden, wie beispielsweise Briefbombenbauanleitungen rechtsradikalen Ursprungs verhindert werden können aber gleichzeitig die Freiheit des Systems gewahrt bleiben kann. Bei Online-Diensten ist dies noch vergleichsweise einfach, stellen sie ihren Usern nur vorher gesichtete Bereiche des Net zur Verfügung. Ist aber diese selektive Vorauswahl nicht schon eine wesentliche Begrenzung der Freiheit für die das Internet gerühmt wird. Zweifellos ist mit dieser Vorauswahl auch Macht verbunden, die wiederum massiv mißbraucht werden kann. Die Frage ob, und wenn ja, wie das Internet kontrolliert werden soll, ist eine Glaubensfrage.
Von dem Mißbrauch des Internet durch Bereitstellung fraglicher Daten und Informationen ist der Mißbrauch von persönlichen Daten und Informationen zu unterscheiden. Schon heute sind persönliche, intime Daten von uns auf Festplatten verschiedener Institutionen gespeichert. Unsere Krankheiten sind in der digitalen Patientenkartei unseres Arztes zu finden, unsere finanziellen Verhältnisse finden wir in den Bankrechnern gespeichert, unsere - eventuell bestehenden -Vorstrafen sind auf einem Berliner Rechner, unsere Straßenverkehrsdelikte in Flensburg, Mitarbeiterbeurteilungen des Arbeitgebers finden wir auf einer Datei, die die Personalabteilung angelegt hat. Informationen über unseren Lebenswandel könnten auf dem Rechner eines Privatdetektives zu finden sein. Werden diese dezentral angelegten Daten von jemanden zusammengefaßt, d.h. die miteinander vernetzten Rechner werden "angezapft" (Daten auf Rechnern, die in einem Netzwerk miteinander verknüpft sind für die sog. Hacker wesentlich einfacher "erreichbar"), haben wir ein nacktes Abbild unserer Identität auf dem Netz, welches wir selbst guten Freunden in diesem Umfang nicht geben würden. An dieser Stelle könnte man uns vorwerfen ein unrealistisches Horrorszenario zu zeichnen. Wir würden diesen kritischen Beobachtern gerne zustimmen, doch wie sich schon desöfteren gezeigt hat, existiert kein System, welches nicht "angezapft" werden könnte. Die Annahme, die Privatspähre in einem Netz sei schützbar, erweist sich bei näherer Betrachtung als große lllusion (vgl. Vallee. S. 44). Dazu Vallee in einem Gespräch über die Auswirkungen des dargestellten: "...Und machst du dir nicht ein bißchen Sorgen, du könntest zu einem bloßen Profil auf irgendeinem Magnetband (Das in vielen Bereichen visionäre Buch ist aus dem Jahre 1982. Die Verfasser.) werden? Siehst du nicht, daß Werbeleute dich als potentiellen Käufer bestimmter Produkte aussuchen werden? Daß Gruppen und Organisationen in der Lage sein werden, dein Vorhandensein über die Netze viel sicherer zu entdecken. als sie das in der relativ lockeren und unstrukturierten Welt von heute können, und dich als Zielscheibe für den Verkauf ihrer Ideen, ihrer Produkte, ihrer religiösen und politischen Anschauungen nehmen werden?" (Vallee, S. 193)
Um am Internet als User teilzunehmen benötigt man - grob gesagt - einen Computer mit Modem und einen Telefonanschluß. Die Kosten, die auf einen User zukommen, sind neben den Hardwarekosten die Telefon- bzw. Leitungsgebühren. Insbesondere die Telefongebühren machen regelmäßige Betätigung im Netz - als wesentlichen Unterschied zu den Vereinigten Staaten - zu einem teuren Spaß. So stellen die Kosten heute noch ein Zugangshindernis für Interessierte dar.
Neben dem erforderlichen finanziellen Spielraum, der das Internet für sozial Schwächere unerreichbar macht, sorgt der generationsspezifische Unterschied im Umgang mit der Technik dafür, daß das Internet einem bestimmten Alterssegment - Ausnahmen bestätigen die Regel - vorbehalten bleibt.
Stellt es nicht eine große Gefahr dar, wenn bei der digitalen Revolution Gesellschaftsgruppen auf der Strecke bleiben?
Daten und Informationen
In einem Computer kann man keine Informationen speichern. Alles was man in einem Computer zu speichern vermag, sind Daten. Daten verwandeln sich durch einen Prozeß in Information. "Die Umwandlung erfolgt für eine bestimmte Person zu einem bestimmten Zeitpunkt, mit dem naheliegenden Ergebnis, daß das, was an einem bestimmten Tag für Mr. Jones Information sein mag, es für keinen anderen ist und selbst für Mr. Jones am folgenden Dienstag schon nicht mehr sein mag." (Vallee, S. 63 - 64) Dies gilt es im Hinterkopf zu behalten, wenn man die Möglichkeit, die das Internet zur Informationsgewinnung und -verbreitung bietet, realistisch beurteilen will. Erfahrungen mit anderen Medien deuten darauf hin, daß ein mehr an zur Verfügung gestellten Daten nicht notwendigerweise zu besseren Informationen führt. Die Masse an Daten erschwert vielmehr eine Informationsbildung. Zudem stellt sich die Frage, wie stichhaltig Informationen sein können, die ausschließlich auf Daten beruhen, die aus dem Internet gewonnen werden.
Literaturverzeichnis
Wie kommt es zur Zerstörung zwischenmenschlicher Kommunikation?
Überlegungen über längerfristige Tendenzen und die Anwendung von Computern, in: Rammert, Werner (Hrsg): Computerwelten - Altagswelten, Wie verändert der Computer die soziale Wirklichkeit, Opladen 1990, S.65-90
Büroheimarbeit in der Versicherung. Vorbedingungen und Möglichkeiten für Tele-Heim-Arbeitsplätze mit informations- und kommunikationstechnischer Unterstützung, in: Versicherungsbetriebslehre, H 3, 1984, S.27-32
Computerwelten - Altagswelten, Von der Kontrastierung zur Variation eines Themas., in: Rammert, Werner (Hrsg)
Computerwelten - Altagswelten, Wie verändert der Computer die soziale Wirklichkeit, Opladen 1990, S.13-26
Computernetze - Träue und Alpträume von einer neuen Welt, Reinbeck 1984
Anja Greis
Andre Austen