Zur Entwicklung der Forschungsmethoden und Theoriekerne der

Wirtschaftsinformatik in den nächsten zehn Jahren

Eine kombinierte Delphi- und AHP - Untersuchung

von Wolfgang König, Armin Heinzl, Markus Rumpf

und Ansgar von Poblotzki

Zusammenfassung:

Von Mai bis September 1994 fand eine kombinierte Delphi- und AHP-Untersuchung der Fragen statt, welche Forschungsgegenstände, Forschungsmethoden und Theoriekernen die Wirtschaftsinformatik in den nächsten zehn Jahren bearbeiten bzw. verwenden soll, um ihre Wettbewerbsposition gegenüber der Betriebswirtschaftslehre und der Informatik behaupten zu können. 23 Vertreter der Wissenschaft und 7 Vertreter der Praxis erarbeiteten über vier Runden eine gemeinsame Position. Über Untersuchungsergebnisse bezüglich der zukünftig notwendigen Forschungsgegenstände wurde an anderer Stelle berichtet. Der vorliegende Beitrag beschreibt nun die Methoden und Theoriekerne, die zur Erforschung der prognostizierten Inhalte notwendig sind.

Abschließend erfolgt eine kritische Würdigung der zum Einsatz gekommenen Untersuchungsmethoden und ihrer Eignung für die vorliegenden Fragestellungen. Es zeigt sich u.a., daß diese Form von Gruppenbefragungen für derart qualitative und durch individuelle Einstellungen geprägte Erkenntnisgegenstände an Grenzen stößt.

Als wesentliches Untersuchungsergebnis ist - bei aller Zurückhaltung wegen der angesprochenen methodischen Probleme - festzuhalten, daß im Gegensatz zu einem stabilen Konsens bezüglich der zukünftigen Forschungsgegenstände bezüglich der Forschungsmethoden und der Theoriegrundlagen keine einheitliche "Vision" über die Positionierung der Wirtschaftsinformatik in der Wissenschaftswelt der nächsten 10 Jahre entwickelt wird. Vielmehr ist ein fragmentiertes und bisweilen auch lückenhaftes Bild der zukünftigen Forschungsmethoden und Theoriekerne der Wirtschaftsinformatik festzustellen.

  1. Einleitung und Problemstellung

Die Wirtschaftsinformatik steht als Wissenschaftsdisziplin im Wettbewerb mit ihren "Mutterwissenschaften" Wirtschaftswissenschaften und Informatik. Wir gehen davon aus, daß die Wirtschaftsinformatik eine eigenständige Lehr- und Forschungsdisziplin darstellt und daß die in der "Community" gepflegten Forschungsgegenstände maßgebliche Entwicklungstreiber des Fachs darstellen. Forschungsgegenstände sind mit adäquaten Forschungsmethoden zu bearbeiten; diese wiederum basieren auf geeigneten Theoriekernen.

Forschungsergebnisse und Lehrinhalte auf ressourcenmäßig begrenzten Märkten (z.B. Finanzmittel, Anzahl der Professuren/Mitarbeiter, Anzahl der Studenten) werden erarbeitet und angeboten, so daß es nahe liegt, das Denkmodell des Wettbewerbs der Untersuchung zugrundezulegen. Die Frage lautet also: Auf welche Forschungsgegenstände, Forschungsmethoden und Theoriekerne soll sich die Wirtschaftsinformatik in den nächsten zehn Jahren konzentrieren, um ihre Wettbewerbsposition gegenüber der Betriebswirtschaftslehre und der Informatik behaupten oder ausbauen zu können? Der Planungshorizont von 10 Jahren resultiert aus der Überlegung, daß sich der Wandel in wissenschaftlichen Disziplinen nicht rasch vollzieht. Promotionen, die einen wesentlichen Beitrag zum wissenschaftlichen Erkentnisfortschritt leisten, dauern beispielsweise drei bis fünf Jahre. Auch DFG -Schwerpunktprogramme werden fünf Jahre gefördert.

Von Mai bis September 1994 fand eine kombinierte Delphi- und AHP-Untersuchung der vorgenannten Fragen statt. 23 Experten aus Wissenschaft und 7 führende Vertreter aus der Praxis erarbeiteten über vier Runden eine gemeinsame Position. Von den 23 Vertretern der Wissenschaft sind 14 Wirtschaftsinformatiker, die anderen Mitglieder des Panels sind von Hause aus Betriebswirte, Informatiker oder Naturwissenschaftler.

In [KÖHEVP 95] wird als Ergebnis bezüglich der Forschungsgegenstände dargestellt, daß sich die Wirtschaftsinformatik zukünftig stärker als eine Wissenschaft mit einem starken Bezug zur Organisationslehre versteht, um die Wettbewerbsposition der Wirtschaftsinformatik zu halten oder auszubauen. Die folgenden Rangplätze sehen die Wirtschaftsinformatik als eine Wissenschaft zur Gestaltung der Informationsverarbeitungs-Funktion in Unternehmen (Querschnittsfunktion) sowie als eine Wissenschaft, die darauf abzielt, den Leistungsfaktor Information im Unternehmen geeignet einzusetzen.

In dem folgenden Beitrag werden nun die Untersuchungsergebnisse bezüglich der zur Erforschung dieser Gegenstände notwendigen Forschungsmethoden und Theoriegrundlagen ausgeführt.

  1. Forschungsmethodik und Untersuchungsverfahren

In der vorliegenden Untersuchung werden die Delphi-Methode und die AHP-Methode (Analytic Hierarchy Process) miteinander kombiniert. Die Delphi-Methode ist eine strukturierte schriftliche Befragung von Mitgliedern eines Panels. Nach einer offenen ersten Befragungsrunde, in welcher die Mitglieder des Panels ihre Grundsatzpositionen zu den Forschungsgegenständen, Forschungsmethoden und Theoriekernen darlegten, folgten drei weitere Runden, in welchen die von den Teilnehmern dargelegten Sachverhalte strukturiert und quantitativ sowie qualitativ bewertet wurden. Nach jeder Runde wurde seitens der Moderatoren eine Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse erstellt und an alle Mitglieder des Panels verteilt. Sachverhalte, zu welchen viele Anregungen von den Mitgliedern des Panels formuliert wurden, wurden in eine Delphi-Hierarchie gestellt, um den Überblick herzustellen und die Bewertung seitens der Mitglieder des Panels zu vereinfachen. Mehrere Mitglieder des Panels sahen sich außerstande, eine allgemeine Diskussion über Forschungsmethoden zu führen. Ihrer Meinung nach könne die Relevanz von Forschungsmethoden der Wirtschaftsinformatik nicht unabhängig von Forschungsgegenständen bewertet werden. Dieser Gedanke wird im AHP-Ansatz aufgenommen, in dem die mit Hilfe der Delphi-Methode explorierten wichtigsten Forschungsgegenstände und Forschungsmethoden in Beziehung gesetzt wurden.

Der AHP-Ansatz ist eine Methode zur Entscheidungsunterstützung, mit der Abhängigkeiten von miteinander verbundenen Größen einer Entscheidung hierarchisch analysiert werden. Auf der untersten Hiearchieebene werden frei wählbaren Entscheidungsparameter im Sinne von Handlungsalternativen spezifiziert; die oberste Ebene reflektiert das Generalziel des betreffenden Entscheidungsproblems. Die Zwischenschaltung weiterer Ebenen, die den entscheidungsrelevanten Realitätsausschnitt nach verschiedenen Dimensionen differenziert, eröffnet eine schrittweise Inbeziehungsetzung von Handlungsalternativen und Zielsetzungen, anstatt dem Entscheider eine unmittelbare Bewertung abzuverlangen, die von ihm ggf. als zu schwierig abgelehnt würde.

Die Intensität, mit der eine bestimmte Größe einer Menge von K Entscheidungsgrößen einer höher liegenden Ebene von den einzelnen Größen der unmittelbar darunterliegenden Ebene abhängt, wird durch eine quadratische Paarvergleichsmatrix erfaßt. Die gesamte Interdependenz der beiden Ebenen wird also durch K Paarvergleichsmatrizen erfaßt. Das Element der Matrix Ak drückt aus, daß die i-te Größe der untergeordneten Ebene einen mit dem Faktor höheren Einfluß auf die Größe ausübt als die j-te Größe der untergeordneten Ebene.

Die aggregierten Gewichte aller im AHP erfaßten Einflußgrößen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik zeigt Abbildung 1:

Abbildung 1: Aggregierte Gewichte aller erfaßten Einflußgrößen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik

Diese mittels Paarvergleichsmatrizen mögliche Erfassung der Abhängigkeiten zweier Ebenen wird für sämtliche Paare unmittelbar benachbarter Ebenen vorgenommen. So sind z.B. für eine 4-Ebenen-Hierarchie mit oben einer Größe (hier: "Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik"), darunter vier Größen (hier: die Märkte, nämlich "Wissenschaft", "Studenten", "Praxis" "Stellen"), darunter vier Größen (hier: die wichtigsten inhaltlichen Ausrichtungen der Wirtschaftsinformatik, nämlich "Bezug zur Organisationslehre", "Funktionale Betriebswirtschaftslehre", "Informationswissenschaft", "Innovationswissenschaft") und darunter vier Größen (hier: vier verschiedene Klassen von Forschungsmethoden) eine vierzeilige, vier vierzeilige und weitere vier vierzeilige Paarvergleichsmatrizen zu bestimmen. Der Entscheider spezifiziert die Komponenten von Paarvergleichsmatrizen auf einer neungeteilten metrischen Skala (1/9,1/7,1/5,1/3,1,3,5,7,9). Für jede Paarvergleichsmatrix Ak wird ein Gewichtungsvektor bk errechnet, dessen Komponenten den relativen Einfluß der i-ten untergeordneten Größe auf die übergeordnete Größe xk angeben. Die Vier-Ebenen-Hierarchie des obigen Beispiels wird durch einen vierkomponentigen Gewichtungsvektor, vier vierkomponentige und weitere vier vierkomponentige Gewichtungsvektoren beschrieben.

Die Gewichtungsvektoren werden ebenso zu Matrizen zusammengefaßt, die dann von unten nach oben miteinander multipliziert werden. Das Ergebnis dieser linearen Berechnung ist eine Gewichtung der frei wählbaren Entscheidungsparameter (unterste Ebene) hinsichtlich ihres Einflusses auf das Generalziel des Entscheidungsproblems (oberste Ebene).

Die Anzahl der AHP-Ebenen (Dimensionen des Entscheidungsproblems) sowie die Auswahl der einzelnen Größen auf jeder Ebene werden vom Moderatorenteam vorgegeben. Dabei sollen zum einen die wesentlichen Einflußgrößen auf die Gesamtentscheidung (hier: die Messung der Wettbewerbsfähigkeit) erfaßt werden. Zum anderen ist die Anzahl der paarweisen Vergleiche, die bei diesem Untersuchungsaufbau schnell über alle Schranken steigt, so weit wie möglich zu begrenzen. In dem vorliegenden Fall bestimmen die Mitglieder des Panels zum großen Teil selbst die Einflußgrößen auf den einzelnen Ebenen. Sie ergeben sich aus der parallel durchgeführten Delphibefragung, nämlich die inhaltliche Ausrichtung der Wirtschaftsinformatik sowie die in der Untersuchung angesprochenen Forschungsmethoden. Die für die verschiedenen Mitglieder des Panels errechneten Gewichte werden durch arithmetisch gemittelt.

  1. Befunde
  2. Zukünftige Forschungsgegenstände der Wirtschaftsinformatik und deren Verbindung zu Wissenschaftsprodukten und -märkten

In der Delphi-Methode wird gefragt: Welche Forschungsgegenstände muß die Wirtschaftsinformatik in den nächsten zehn Jahren untersuchen, wenn sie ihre Wettbewerbsposition gegenüber der Betriebswirtschaftslehre und der Informatik halten oder ausbauen will?

Im Anschluß wird für die AHP-Untersuchung zunächst das allgemeine Ziel "Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik" präzisiert. Der Erfolg der Wirtschaftsinformatik-Fachvertreter im Wettbewerb mit anderen Disziplinen wird als deren Fähigkeit definiert, ihre Wissenschaftsprodukte (Veröffentlichungen, Lehrveranstaltungen, Projekte, Vorträge, Prototypen, etc.) auf relevanten Märkten abzusetzen. Als relevante Märkte werden definiert:

Die Richtigkeit und Vollständigkeit dieser Systematik wurde von keinem der Teilnehmer kritisiert.

Die relative Bedeutung dieser Märkte für den Erfolg der Wirtschaftsinformatik insgesamt wird mittels AHP-Befragung bestimmt:
relative Bedeutung Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik
- Wissenschaft26,34%
- Studenten und Mitarbeiter 15,95%
- Praxis42,02%
- Stellen15,69%
Tabelle 1: Relative Bedeutung von Wissenschaftsmärkten für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik

Es fällt auf, daß nach Meinung des Panels das "Verwertinteresse" der Praxis (d.h. der Industrie- und Dienstleistungsunternehmen) an den Ergebnissen der Wirtschaftsinformatik mit 42% den stärksten Einfluß auf die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik ausübt, mit Abstand gefolgt von der Präsenz in der Wissenschaft mit 26%.

Zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik stehen bei der Delphibefragung die folgenden vier zentralen Forschungsgegenstände (inhaltliche Ausrichtungen der Wirtschaftsinformatik) auf den höchsten Rängen:

Differenziert man nach den einzelnen Wissenschaftsmärkten, so führt die AHP-Befragung zu folgenden relativen Erfolgsaussichten für diese vier möglichen Forschungsgegenstände:
relative Erfolgsaussichten WissenschaftStudenten

und Mitarbeiter

PraxisStellen
- Organisationslehre 36,42%35,11% 41,88%33,23%
- Funktionale Betriebswirtschaftslehre 23,82%23,31% 23,04%23,58%
- Informationswissenschaft 18,94%18,82% 18,15%24,37%
- Innovationswissenschaft 20,83%22,75% 16,93%18,81%
Tabelle 2: Relative Bedeutung der Forschungsgegenstände / inhaltlichen Ausrichtungen für die Wissenschaftsmärkte der Wirtschaftsinformatik

Daraus resultieren folgende relative Bedeutungen der Forschungsgegenstände für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik insgesamt:
relative Bedeutung Wettbewerbsfähigkeit

der Wirtschaftsinformatik

- Organisationslehre 38,00%
- Funktionale Betriebswirtschaftslehre 23,38%
- Informationswissenschaft 19,48%
- Innovationswissenschaft 19,14%
Tabelle 3: Relative Bedeutung der Forschungsgegenstände / inhaltlichen Ausrichtungen für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik

Dieses (metrisch skalierte) Ergebnis bestätigt die mittels Delphi-Befragung bestimmte Rangfolge der Forschungsgegenstände.

  1. Zukünftige Forschungsmethoden der Wirtschaftsinformatik
  2. Befragung nach der Delphi-Methode
  3. Methodenklassen

Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung der Teilnehmer, mit welchem relativen Gewicht jede Methodenklasse von der Wirtschaftsinformatik angewendet werden soll (siehe Tabelle 4). Die beiden zur Auswahl stehenden Methodenklassen werden von den Moderatoren vorgegeben.
Methodenklassen %-AnteilR4
- konstruktive Methoden, die überwiegend deduktionsgetrieben sind und primär zur Veränderung von Sachverhalten dienen 60%
- empirische Methoden, die überwiegend induktionsgetrieben sind und primär dem Zweck der Überprüfung von Theorien zur Erklärung gegebener Sachverhalte dienen 40%
Tabelle 4: Methodenklassen

Sechs der 30 Mitglieder des Panels sind der Auffassung, daß die Vorteilhaftigkeit bestimmter Methoden nur vor dem Hintergrund konkreter Fragestellungen behandelt werden kann. Drei andere Teilnehmer stellen fest, daß man bei Anwendung jeder Methode deduzieren und induzieren muß. Ein Teilnehmer merkt an, daß empirische Methoden zur 'Überprüfung von Theorien' präsupponieren, daß die Wirtschaftsinformatik über Theorien im strengen wissenschaftstheoretischen Verständnis des Theoriebegriffs verfügt. Da dies allenfalls in rudimentären Ansätzen zutrifft, dürfte nach Einschätzung dieses Teilnehmers ein mehr als bescheidenes Gewicht für empirische Methoden zur Theorieüberprüfung eher dem Wunschdenken der Zunft der Wirtschaftsinformatiker als der epistenischen Qualität ihres Wissensfundus entsprechen.

  1. Empirische Methoden

Auf Basis der offenen ersten Runde werden nun empirische und konstruktive Methoden zu Klassen zusammengefaßt und in den Delphi-Runden zwei bis vier von den Mitgliedern des Panels bewertet, verbal kommentiert sowie Ergänzungen vorgenommen (z.B. wird die Methode "Forschung durch Entwicklung" nach Runde drei eingeführt). Nach der dritten Runde wurde die Anzahl der untersuchten Variablen auf die jeweils ersten fünf Nennungen reduziert, um den Umfang des sich sukzessive verlängernden Fragebogens zu beschneiden und eine Fokussierung auf die wichtigsten Forschungsmethoden und Theoriegrundlagen zu erreichen.

Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung der Teilnehmer, welche empirischen Methoden von besonderer Bedeutung sind, damit die Wirtschaftsinformatik ihre Wettbewerbsposition behaupten bzw. ausbauen kann (siehe Tabelle 5).
Empirische Methoden

R4

R4
- Exploration mittels Fallstudien und Feldstudien 1,360,74
- Beobachtung (z.B. des Anwender- oder Systemverhaltens) 2,240,76
- Referenzmodelle als quasi-empirischer (semi-formaler) Ansatz 3,601,26
- Mündliche oder schriftliche Befragungen 3,720,92
- Forschung durch Entwicklung 4,681,66
- Ex-Post-Beschreibungen und Interpretationen realer Sachverhalte 5,040,82
Tabelle 5: Empirische Methoden (herausgefallen nach Runde drei: "Laborexperimente", "Längsschnittstudien" und "Meßverfahren")

Ein Mitglied des Panels weist auf Überschneidungen innerhalb der empirischen Methoden hin. Beispielsweise können nach seinen Überlegungen schriftliche Befragungen zur Durchführung von Längsschnittstudien durchgeführt werden. Das Moderatorenteam wies die Teilnehmer darauf hin, daß diese beiden Variablen innerhalb der Fragestellung nur sehr schwach korreliert seien. Hierzu bemerkte ein weiterer Mitwirkender, daß mangelnde Korrelationen in Antworten kein Gegenbeweis für mögliche hierarchische Abhängigkeiten innerhalb der Antworten sind. Nach der Einschätzung von drei Teilnehmern benötigt man Referenzmodelle als Basis für alle empirischen Methoden. Ein anderer Teilnehmer ist der Ansicht, daß Referenzmodelle nicht in diese Methodenklasse gehören.

Ein Teilnehmer schlägt vor, Feld- und Fallstudien zu trennen. Nach Ansicht eines Teilnehmers ist die Fallstudie die erkenntnistheoretisch schwächste Form der Feldstudie.

Die Methode Beobachtung ist für ein Mitglied des Panels viel zu allgemein und für alle engeren Forschungsmethoden erforderlich. Ein anderer Teilnehmer erläutert, daß Beobachtungen im Sinne von Regelkreisen zu optimalen Ergebnissen führen, aber immer Soll- und Istgrößen nötig sind. Versuche liefern immer nur Istgrößen und sind somit vergangenheitsgerichtet.

Zwei Teilnehmer stellen in Frage, ob es sich bei der Methode Forschung durch Entwicklung um eine empirische Methode handelt. Für einen Vertreter der Praxis gehört dieser Punkt zur Kategorie Learning by Doing und wird ausdrücklich befürwortet. Ein weiterer Mitwirkender führt aus, daß eine anwendungsorientierte Wissenschaft im Interesse ihrer Fortschrittsfähigkeit nicht auf experimentelle Forschung durch reale Problemlösungsarbeit verzichten kann.

Für einen Teilnehmer ist hier eine Rangreihenfolge empirischer Methoden sinnlos.

  1. Konstruktive Methoden

Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung der Teilnehmer, welche konstruktiven Methoden von besonderer Bedeutung sind, damit die Wirtschaftsinformatik ihre Wettbewerbsposition behaupten bzw. ausbauen kann (siehe Tabelle 6).
Konstruktive Methoden

R4

R4
- Entwicklung und Test von Prototypen 1,540,76
- Simulation2,75 1,23
- Modellierung 3,29 1,81
- Deduktion3,96 1,24
- Learning by Doing (Wissenstransfer durch Unternehmensberatung) 4,171,40
- Kreativitätstechniken 4,831,11
Tabelle 6: Konstruktive Methoden (herausgefallen nach Runde drei: "Optimierungsverfahren")

In der Diskussion wird mehrfach auf mögliche hierarchische Abhängigkeiten und Überschneidungen innerhalb der Antworten hingewiesen. Insbesondere wird Deduktion als eine grundlegende Arbeitstechnik angesehen. Zwei Diskussionsbeiträge beziehen sich explizit auf den Voraussetzungscharakter von Deduktion für die Entwicklung einer Konstruktionslehre. Ein Teilnehmer sieht in Modellierung Voraussetzung bzw. Bestandteil jeder Art von Konstruktion. Ein Teilnehmer fragt, wie Simulation anders als durch Laborforschung möglich sein soll. Für einen Teilnehmer ist Konstruktion ohne Kreativität schwer nachvollziehbar.

Ein Mitglied des Panels fragt nach dem zentralen Unterschied zwischen Modellierung und Entwicklung und Test von Prototypen. In der folgenden Runde erläutert ein anderer Teilnehmer, daß Modellierung und Simulation bei technischen Entwicklungen in der Regel die Vorstufe zu[r Entwicklung von; die Verf.] Prototypen darstellen. Ein weiterer Teilnehmer führt aus, daß Simulation nicht allgemein als Modellbildung, sondern als Schreiben von Zustandsgeschichten verstanden wird.

In vier Beiträgen von Mitgliedern des Panels wird der Methodencharakter von Learning by Doing bestritten. Ein Teilnehmer bedauert, daß ” (...) der alte Quatsch Learning by Doing und dann auch noch mit der Erläuterung Wissenstransfer durch Unternehmensberatung immer noch drin steht”. Für ihn ist es nicht nachvollziehbar, wie man hierin eine Forschungsmethode sehen kann. Diesem Argument schließen sich drei weitere Teilnehmer an.

Dieser Kritik wird in zwei Beiträgen entgegengehalten, daß Learning by Doing auch Action Research genannt wird und dann eine Methode der sozio-technischen Gestaltung ist, die anerkennt, daß soziale Situationen einmalig sind und Gestaltung, die über Prototypenbau hinausgeht, eine Veränderung im organisatorischen Gefüge hervorruft. Die Gleichsetzung der Begriffe Learning by Doing, Action Research und Beratung wird von diesem Teilnehmer jedoch als zumindest problematisch erkannt. Weiterhin soll Doing im Sinne von Prototypenentwicklung und Sammeln von Erfahrungen verstanden werden, da früh erkannte Fehler die billigsten sind.

Ein Teilnehmer bemerkt zum Punkt Entwicklung und Test von Prototypen, daß Informatiker und kommerzielle Unternehmen Prototypen professioneller entwickeln können als Wirtschaftsinformatiker. Diesem Standpunkt wird entgegnet, daß dies nur der Fall ist, wenn sie den betriebswirtschaftlichen Sachverhalt durchschaut haben, was nicht a priori gegeben ist.

  1. Befragung nach der AHP-Methode

Der von vielen Teilnehmern der Delphibefragung geäußerten Kritik, Forschungsmethoden seien nicht unabhängig vom jeweiligen Forschungsgegenstand bewertbar, wird mit einer AHP-Befragung Rechnung getragen, bei der nach den vier zentralen Forschungsgegenständen (vgl. Abschnitt 3.1) differenziert wird. Zwei Teilnehmer lehnten auch dieses Konzept mit dem Hinweis ab, die Eignung alternativer Forschungsmethoden sei ausschließlich mit Bezug auf die ganz konkrete Fragestellung bewertbar.

Um zu einer noch zumutbaren Anzahl von AHP-Fragen (Paarvergleichen) zu gelangen, werden die in der Delphi Befragung auf den vordersten Rängen ermittelten konstruktiven und empirischen Forschungsmethoden nach sachlicher Zusammengehörigkeit in vier Clustern zusammengefaßt, wobei die Unterteilung in konstruktive bzw. empirische Methoden aufgegeben wird (die vorbeschriebene Kritik der Mitglieder des Panels bezüglich der Trennschärfe der einzeln genannten Methoden respektive bezüglich bestehender Abhängigkeiten legte dies nahe):

Die AHP-Befragung ergab folgende relative Bedeutungen dieser Methodencluster für die vier wichtigsten Ausrichtungsalternativen der Wirtschaftsinformatik (die wichtigsten Forschungsgegenstände), um die Wettbewerbsposition der Wirtschaftsinformatik zu halten oder auszubauen (siehe Tabelle 7):
relative Bedeutung der Methodencluster Organisations-lehre Funktionale Betriebswirt-schaftslehre Informations-wissenschaft Innovations-wissenschaft
- Entwicklung und Test von Prototypen, Simulation, Laborexperimente

31,67%


33,28%


34,84%


49,29%
- Learning by Doing (Wissenstransfer durch Unternehmensberatung), Kreativitätstechniken


19,61%



16,88%



13,95%



17,85%
- Deduktion20,96% 18,31%23,37% 15,22%
- Fall- und Feldstudien, Beobachtung (z.B. des Anwender- oder Systemverhaltens), mündliche oder schriftliche Befragungen.



27,76%




31,53%




27,84%




17,64%
Tabelle 7: Die relative Bedeutung von Forschungsmethoden

Es fällt auf, daß der Methodencluster "Prototypbau", "Simulation" und "Laborexperimente" mit Abstand an der Spitze liegt, während der Methodencluster "Deduktion" den vorletzten Platz einnimmt, nur knapp vor dem heftig umstrittenen Methodencluster "Learning by Doing" und "Kreativitätstechniken".

Folgende beispielhafte Aussagen lassen sich [vgl. Abb. 1] nun treffen: Die Akzeptanz in der "Wissenschaft", d.h. die Präsenz in namhaften wissenschaftlichen Zeitschriften, auf Tagungen und in der Deutschen Forschungsgemeinschaft, trägt zu 26% zur Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik bei. Die inhaltliche Ausrichtung der Wirtschaftsinformatik mit einem starken "Bezug zur Organisationslehre" trägt zu 38% zur Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik bei, aggregiert über die vier darüberliegenden Wissenschaftsmärkte und deren Gewichte. Der Methodencluster "Prototypen", "Simulation" und "Laborexperimente" trägt wiederum zu 36% zur Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik bei, aggregiert über alle vier hier betrachteten inhaltlichen Ausrichtungsoptionen der Wirtschaftsinformatik sowie über die vier hier betrachteten Wissenschaftsmärkte.

Die Methodencluster und deren Gewichtung im Rahmen des AHP werden von einigen Mitgliedern des Panels heftig diskutiert und kritisiert; dies reichte in Einzelfällen bis hin zur Verweigerung der weiteren Mitarbeit. Ein Teilnehmer ist der Meinung, daß Learning by Doing keine Forschungsmethode ist und bewertet deshalb nur teilweise. Für drei weitere Mitglieder des Panels sind die Fragen unzulässig, da völlig heterogene Methoden zu nur einer Alternative vermengt worden sind. Ein Teilnehmer ist der Auffassung, daß sich die Forschungsmethode nach der konkreten Fragestellung richtet und nicht nach allgemeinen Forschungsgebieten. Deshalb sind nach seiner Auffassung die Fragen nicht seriös beantwortbar. Drei weitere Mitglieder des Panels beantworten die Fragen nicht oder nur teilweise, ohne dies zu begründen.

  1. Zukünftige Theoriekerne der Wirtschaftsinformatik

Aus der Analyse der Antworten in der offenen Runde eins ergaben sich vier Fragenkomplexe: Die Frage nach der Art des Erkenntnisziels, der Notwendigkeit eines eigenständigen Theoriegebäudes, den Impulsgebern für ein eigenständiges Theoriegebäude und der Fokussierung auf ein eigenständiges Theoriegebäude. Das Moderatorenteam fügte die Frage nach der Bedeutung alternativer Forschungsimperative hinzu.

  1. Befragung nach der Delphi-Methode
  2. Art des Erkenntnisziels

Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung der Teilnehmer, welches Erkenntnisziel die Wirtschaftsinformatik zukünftig verfolgen soll, um ihre Wettbewerbsposition zu halten oder auszubauen (siehe Tabelle 8).
Art des Erkenntnisziels %-AnteilR4
- pragmatisches Erkenntnisziel (Wie ist in einem bestimmten Sachverhalt zu verfahren?)
74%
- theoretisches Erkenntnisziel (Warum sind bestimmte Sachverhalte genau so?)
26%
Tabelle 8: Art des Erkenntnisziels

Zwei Mitglieder des Panels betonen, daß das theoretische und das pragmatische Erkenntnissziel gleich wichtig sind. Für einen Teilnehmer hängt die Präferenz vom Untersuchungsgegenstand ab. Ein Teilnehmer ist der Auffassung, daß das pragmatische Erkenntnisziel das theoretische Erkenntnisziel impliziert.

Nach Auffassung eines Mitglieds des Panels begründet ein theoretisches Erkenntnisziel unter anderem die Wirtschaftsinformatik als eine Wissenschaft. Vier weitere Teilnehmer schließen sich diesem Argument an. Zwei Teilnehmern ist ein rein pragmatisches Erkenntnisziel zu simpel. Je ein Vertreter der Wissenschaft und der Praxis bemerken, daß nichts so praktisch ist, wie eine gute Theorie.

Ein Teilnehmer ist der Auffassung, daß die Wirtschaftsinformatik nicht an die Universität gehört, wenn das pragmatische Erkenntnisziel überwiegt.

Nach Ansicht eines Teilnehmers geht es im Grunde um die Frage 'konstruktive Wissenschaft versus Erkenntniswissenschaft'. Ein anderer Teilnehmer erläutert: ”Warum klärt Zusammenhänge, wie ohne warum ist 'Im-Nebel-stochern' unter dem Deckmantel der Wissenschaft und Kochbuchschreiben. Das wie verbessern auf Basis von Erkenntnissen zum warum ist ein wissenschaftliches Erkenntnisziel.”

  1. Notwendigkeit einer eigenständigen Theorie der Wirtschaftsinformatik

Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung der Teilnehmer über die Notwendigkeit eines eigenständigen Theoriegebäudes der Wirtschaftsinformatik (siehe Tabelle 9).
Notwendigkeit einer eigenständigen Theorie der Wirtschaftsinformatik
%-Anteil R4
- Ja, die Wirtschaftsinformatik benötigt zukünftig ein eigenständiges Theoriegebäude
54%
- Nein, die Wirtschaftsinformatik soll zukünftig ihr Theoriegebäude aus anderen Disziplinen beziehen
43%
- Nein, die Wirtschaftsinformatik braucht keine Theorie 3%
Tabelle 9: Notwendigkeit einer eigenständigen Theorie der Wirtschaftsinformatik

Ein Mitglied des Panels konstatiert, daß eine Wissenschaft ohne eigenständiges Theoriegebäude keine eigenständige Wissenschaft ist. Ein anderer Teilnehmer schlägt vor, zunächst mehrere Partialtheorien zu entwickeln.

Drei Teilnehmer begründen, daß es hinreichend viele gute Theorien gibt, die nur gezielt angewandt werden müssen.

Ein Teilnehmer hat keine Hoffnung, daß die Wirtschaftsinformatik in absehbarer Zukunft eine eigene Theorie entwickelt, da es ihr bisher noch nicht gelungen ist.

Ein weiteres Mitglied des Panels schließt nicht aus, daß die Wirtschaftsinformatik ein eigenständiges Theoriegebäude entwickelt, hält dies aber nicht für unbedingt erstrebenswert. In einem weiteren Beitrag wird erläutert, daß aufgrund der auch zukünftig zu fordernden Anwendungsorientierung der Wirtschaftsinformatik eine Fokussierung auf eine eigene Theorie in die falsche Richtung geht.

Ein Teilnehmer stellt fest: "Die Informatik hat nicht die eigene Theorie, die Ökonomie nicht, die Skeptik nicht, die Medizin nicht. Wie sollte es gelingen, für die Wirtschaftsinformatik eine zu entwickeln? Die Suche nach der blauen Blume (der Romantik) hält nur fähige Köpfe von einem Beitrag zur Rettung des Vaterlands ab.”

  1. Impulsgeber für ein eigenes Theoriegebäude

Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung der Teilnehmer, aus welchen Disziplinen die Wirtschaftsinformatik die stärksten Impulse bei der Herausbildung eines eigenen Theoriegebäudes erfahren soll (siehe Tabelle 10).
Impulsgeber für ein eigenes Theoriegebäude

R4

R4
  • Betriebswirtschaftslehre
1,190,56
  • Informatik
2,500,80
  • Kybernetik/Systemtheorie
3,301,10
  • Verhaltenswissenschaften
3,731,16
  • Ingenieurwissenschaften
4,190,88
Tabelle 10: Impulsgeber für ein eigenes Theoriegebäude (herausgefallen nach Runde drei: Organisationstheorie, Volkswirtschaftslehre, Mathematik, Naturwissenschaften, Rechtswissenschaften)

Im Hinblick auf die Informatik wird im Laufe der Diskussion von vier Mitgliedern des Panels zum Ausdruck gebracht, daß Theorien der Informatik der Wirtschaftsinformatik keine starken Impulse geben können, da sie sich nur auf das Verhalten von Maschinen und nicht von Menschen beziehen. Ein Teilnehmer widerspricht diesem Argument, da hier ein veraltetes Bild der Informatik zugrunde liegt.

Für einen Teilnehmer sind die Verhaltenswissenschaften wichtig, da es sich bei Informationssystemen um Mensch-Maschine-Systeme handelt und die Rolle der Verhaltenswissenschaften wichtig ist für Akzeptanz und Motivation. Derzeit wird vor allem die Komponente 'Maschine' betrachtet, die Komponente 'Mensch' wird mit dem Begriff 'Nutzer' idealisiert, aber nicht hinreichend differenziert betrachtet.

Für ein Mitglied des Panels muß die Betrachtung von Systemen und deren Verhalten wesentlicher Bestandteil der Wirtschaftsinformatik sein.

  1. Wirtschafts- und verhaltenswissenschaftliche Theoriekerne

Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der möglichen Impulsgeber aus den Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaften zur Entwicklung einer Theorie der Wirtschaftsinformatik (siehe Tabelle 11).
Wirtschafts- und verhaltenswissenschaftliche Theoriekerne

R4

R4
- Organisationstheorie, insbesondere Ablauforganisation 1,150,46
- Entscheidungstheorie 2,000,49
- Neuere Institutionenlehre 3,240,65
- Dezentralisierungstheorie 4,000,65
- Branchentheorien 4,500,82
Tabelle 11: Wirtschafts- und verhaltenswissenschaftliche Theoriekerne (herausgefallen nach Runde drei: Diffusionstheorie, Operations Research, Lerntheorien, Standardisierungsökonomie, Sozialpsychologie, Produktionstheorie)

Die inhaltliche Diskussion zu dieser Frage beschränkt sich auf die Feststellung, daß Lerntheorien für die Gestaltung von Benutzerschnittstellen eminent wichtig sind.

Mehrfach wird in der Diskussion nach der inhaltlichen Bedeutung, insbesondere der Dezentralisierungstheorie, der Branchentheorie und der Standardisierungstheorie gefragt, ohne daß seitens der Mitglieder des Panels Klärungsversuche unternommen werden. Ein Teilnehmer verweigert die Bewertung, da seiner Meinung nach hier Theorien und Wissenschaftstheorien zur Auswahl stehen. Eine Rangfolge anzugeben ist erst möglich, wenn nur noch Theorien zur Auswahl stehen.

  1. Theoriekerne aus Informatik, Ingenieur- und Naturwissenschaften

Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der möglichen Impulsgeber aus der Informatik, den Ingenieur- und den Naturwissenschaften zur Entwicklung einer Theorie der Wirtschaftsinformatik (siehe Tabelle 12).
Theoriekerne aus Informatik, Ingenieur-

und Naturwissenschaften

R4

R4
- Regelungstechnik 2,241,34
- Systemtheorie2,72 1,31
- Konstruktionslehre 2,801,20
- Netzwerktheorie2,92 1,09
- Graphentheorie4,28 1,28
Tabelle 12: Theoriekerne aus Informatik, Ingenieur- und Naturwissenschaften (herausgefallen nach Runde drei: Modellierung/Entwurfslehre, Genetik, Automatentheorie)

In der nicht gerade intensiven Diskussion stellen vier Mitglieder des Panels fest, daß die Regelungstechnik ein Teil der Systemtheorie ist. Erst in der letzten Runde ergänzt ein anderer Teilnehmer um die Punkte Petri-Netz-Theorie und Transaktionskonzepte der Informatik.

  1. Fokus eines eigenständigen Theoriegebäudes

Da knapp die Hälfte der Teilnehmer bereits in Frage 3.3.1.2 bestreitet, daß die Wirtschaftsinformatik einer eigenständigen Theorie oder überhaupt einer Theorie bedarf, formulierten diese zu einem großen Teil zu der vorliegenden Frage keine Beiträge. Als Ergebnis des über alle vier Runden andauernden Meinungsbildungsprozesses sind nun die Schlüsselbegriffe nach absteigender Häufigkeit ihrer Nennung aufgelistet, wobei ab Position 7 jeder Begriff nur noch einmal genannt ist:

Viele Mitglieder des Panels, die der Entwicklung eines eigenständigen Theoriegebäudes skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen, begründen dies gerade mit den vorgeschlagenen Themen, um welche sich Theoriekerne kristallisieren sollen. Diese Vorschläge zeigen, so ein Teilnehmer, daß jeder Versuch, eigenständige Theoriekerne zu entwickeln, zum Scheitern verurteilt ist. Weiter führt er aus: "Und selbst wenn man von der Notwendigkeit eines eigenständigen Theoriegebäudes ausgeht, so kann dieses doch wohl nicht auf der Basis der o.g. teilweise völlig inhaltsleeren Aspekte entwickelt werden. Alle oben genannten Kerne können in BWL oder Informatik untergebracht werden. Dies spricht für interdisziplinäre Forschung, aber nicht für eine eigene Forschungsdisziplin. Sonst wären auch Rechts-, Versicherungs-, Medizin- und ... -Informatik jeweils eigenständig. Dies ist keine abwertende Stellungnahme zu den 'Bindestrich-Informatiken', sondern vielleicht waren diese gerade in der Vergangenheit deshalb erfolgreich, weil sie sich nicht erst als eigenständige Wissenschaft beweisen mußten (das dauert 50 Jahre), vielmehr konnten diese interdisziplinären Bereiche konkrete Probleme mit existierenden Theorien lösen."

Für ein anderes Mitglied des Panels ist der Fokus durch die Forschungsgegenstände bestimmt.

Ein weiterer Teilnehmer schlägt vor, die

" - Informationsökonomie zu (a),

- Informations- und kommunikationssystembasierte Organisationslehre, technikgestützte Informations- und Kommunikationssysteme als Mensch-Maschine-Systeme im organisationsspezifischen Kontext zu (b),

- Modellierung betrieblicher Systeme, Informationssysteme und Anwendungssysteme; Dynamische Theorie der inner-, interorganisatorischen, nationalen und internationalen Arbeitsteilung, Dynamische Modellierung von Wirtschaftssystemen zu (c) und

- Strukturationstheorie zu (d)

zusammenzufassen. Die Teile a, b, c und d ergeben einen sinnvollen Kern, der sich von anderen Wissenschaften unterscheidet."

  1. Befragung zu Forschungsimperativen nach der AHP-Methode

Bislang wurden Wissenschaftsmärkte, Forschungsgegenstände, Forschungsmethoden und Theoriekerne als Dimensionen des Entscheidungsproblems identifiziert. Die Untersuchung der zentralen Forschungsgegenstände der Wirtschaftsinformatik ist auch nach unterschiedlichen Forschungsimperativen möglich. Forschungsimperative charakterisieren die Art und Weise der Erforschung von Forschungsgegenständen d.h. die anzuwendenden Forschungsmethoden sowie die Eigenschaften der damit konstruierbaren Theorien (Forschungsergebnisse).

Wir unterscheiden zunächst den Optimierungsimperativ, der die Entwicklung von Theorien fordert, deren Anwendung im Gültigkeitsbereich optimale Lösungen garantiert. Demgegenüber steht der Satisfizierungsimperativ, der die Entwicklung von Theorien fordert, deren Anwendung die pragmatische Auffindung befriedigender Lösungen ermöglicht.

Die relativen Beiträge der beiden Forschungsimperative zur Wettbewerbsfähigkeit auf den verschiedenen Wissenschaftsmärkten werden mittels AHP-Befragung ermittelt (siehe Tabelle 13)
relative Beiträge WissenschaftStudenten und Mitarbeiter PraxisStellen
- Optimierungsimperativ 62,87%42,55% 19,94%39,91%
- Satisfizierungsimperativ 37,13%57,45% 80,06%60,09%
Tabelle 13: Relative Beiträge der Forschungsimperative zur Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik auf den verschiedenen Wissenschaftsmärkten

Die aggregierten Einflußgrößen der AHP-Untersuchung zeigt Abb. 2:

Abbildung 2: Aggregierte Einflußgrößen bezüglich der beiden Forschungsimperative

Dieses Ergebnis bestätigt grundsätzlich die Untersuchungsergebnisse zur Delphi-Frage nach der Art des Erkenntnisziels (pragmatisches Erkenntnisziel: 74%, theoretisches Erkenntnisziel: 26%; vgl. Abschnitt 3.3.1.1).

  1. Interpretation der Befunde
  2. Zur Realibilität und Validität der Ergebnisse

Von 40 angeschriebenen Experten aus Wissenschaft und Praxis nahmen 30 Personen die Einladung zur Teilnahme an der Studie an; die Absagen wurden durchweg mit Terminproblemen begründet. Von den 30 Mitgliedern des Panels nehmen 26 an allen vier Runden der Untersuchung teil. Dieser hohe Wert läßt zum einen auf die Bedeutung der Fragestellung und zum anderen auf den grundsätzlichen Willen der Mitglieder des Panels zu einer methodengestützten Erforschung der Tatbestände schließen (auch wenn, wie beschrieben, bei einigen Fragen heftige Kritik aufkam). Von den 30 Teilnehmern sind sieben aus Unternehmen und 23 Teilnehmer gehören einer Universität an, wobei diese sich in 14 Wirtschaftsinformatiker, vier Informatiker und fünf Betriebswirte aufteilen. Insofern ist die von zwei Teilnehmern geäußerte Vermutung, das Panel sei BWL-lastig, unzutreffend.

Ein erstes Indiz für methodische Probleme kann man darin sehen, daß die Mitglieder des Panels - entgegen der Erwartung - relativ wenig untereinander diskutiert und sich miteinander auseinandergesetzt haben. Dies mag darauf hindeuten, daß der Fragebogen im Verlauf der Fragerunden zu lang wurde, da die qualitativen Kommentare wie auch die quantitativen Bewertungen der Vorrunden jeweils aggregiert und kumuliert in den Folgerunden aufgeführt wurden. In Runde vier umfaßte der Fragebogen mehr als 30 (!) Seiten. Interessant ist jedoch, daß gerade die Vertreter der Praxis die Fragebogen mit gleichbleibender Intensität beantwortet haben.

Das AHP-Verfahren gestattet, durch Analyse der paarweisen Vergleichsantworten Inkonsistenzen aufzudecken, die durch "Ringschlüsse" erzeugt werden. Inkonsistenzen werden durch eine Kennzahl CR (consistency ratio) erfaßt. In der Literatur wird ein CR von 0,1 als gerade noch akzeptabel angesehen und für den Fall größerer Inkonsistenzen zunächst eine Ursachenanalyse empfohlen. In der vorliegenden Untersuchung wurde der Wert von 0,1 nur selten erreicht. Ob dies allein vor dem Hintergrund der zahlreichen Paarvergleichsfragen und dem begrenzten Zeitbudget der Mitglieder des Panels erklärbar ist, soll dahingestellt bleiben. In jedem Fall schränkt es die Verläßlichkeit und Aussagekraft der Befunde stark ein. Aufgrund dieser weitgehenden methodischen Einschränkungen sollten die Befunde nach dem AHP-Ansatz allenfalls als Tendenzen interpretiert werden.

  1. Zur inhaltlichen Interpretation der Ergebnisse

Im Zusammenhang mit der Frage, in welcher Art die "Gruppenmeinung", die nach der AHP-Methode durch wichtige Vertreter der Community entwickelt wird, in mögliche Gestaltungsentscheidungen der Community "zu übersetzen" ist, sind die erarbeiteten Gewichte - abhängig von der Natur des Entscheidungsproblems - auf zwei Arten interpretierbar:

1. Repräsentiert die unterste Ebene Handlungsalternativen, die sich gegenseitig ausschließen und einmalig zu realisieren sind (exklusive, einmalige Entscheidungsparameter), so ist die Handlungsalternative mit dem größten Gewicht zu realisieren. Diese Interpretation der AHP-Gewichte, die wir mit "NOMIX" bezeichnen, entspricht dem Denkansatz beim Grundmodell der normativen Entscheidungstheorie und wird in der AHP-Literatur gängigerweise unterstellt.

2. Repräsentiert jedoch die unterste Ebene Handlungsalternativen, die sich nicht gegenseitig ausschließen und permanent zu realisieren sind, so entsteht eine vollkommen andere Situation. Diese Interpretation bezeichnen wir mit "MIX". Repräsentiert in diesem Sinne die unterste Ebene Entscheidungsparameter, die kombinierbar sind und deren Ausprägungen sich nur langsam anpassen lassen, so ist wie folgt abzuwägen:

2a) Verursacht die Realisierung der am höchsten gewichteten Handlungsalternative vernachlässigbare Investitionskosten (Anpassungskosten), so steht ihrer ausschließlichen intensiven Förderung nichts entgegen.

2b) Existieren jedoch derartige Kosten, so läßt sich die Förderung hoch gewichteter Handlungsalternativen nur dann rechtfertigen, wenn eine ausreichend lange Investitionsnutzungsdauer erwartet wird. Je schneller sich jedoch der Wandel vollzieht, dem die mittels AHP modellierte Realität unterliegt, desto unsicherer wird der Investitionsertrag eindeutiger Richtungsentscheidungen. Dann erscheint es in einem solchen Fall nicht unsinnig, z.B. geringfügig überlegene Alternativen gegenüber anderen (momentan unterlegenen) Alternativen massiv zu fördern.

Wenn wir diese Unterscheidung auf die verschiedenen Ebenen der AHP-Hierarchie (siehe Abb. 1) anwenden, so wird klar, daß die alternativen Forschungsgegenstände als kombinierbar und permanent zu klassifizieren sind (MIX), und da der Übergang zu neuen oder anderen Forschungsgegenständen mit Investitionen (Einarbeiten in neue Wissensbereiche, Anwerbung qualifizierter Forscher, Einwerbung von Mitteln usw.) verbunden ist, spielt die Änderungsgeschwindigkeit der modellierten Realität im Vergleich zum Ausmaß dieser Investitionen die entscheidende Rolle (Fall 2b). Hieraus bestimmt sich das optimale Migrationstempo der Wirtschaftsinformatik-Fachvertreter als Community. Eine formale Spezifikation dieses Modells steht noch aus. [MERTENS 95] konstatiert viele "Moden" (in) der Wirtschaftsinformatik, was darauf hindeuten mag, daß in der Vergangenheit die Investitionskosten zum Einstieg in ein neues Arbeitsgebiet eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben.

Bezüglich der alternativen Forschungsmethoden ist auf z.T. heftige Kritik zu verweisen, die sich an der Zusammenfassung verschiedenartiger Forschungsmethoden zu Methodenclustern entzündete. Die Clusterung wurde vorgenommen, um die Anzahl der Paarvergleiche nicht über alle Schranken wachsen zu lassen (zumal, wie bereits beschrieben, die CR-Kennzahl darauf hindeutet, daß das Zeitbudget vieler Mitglieder des Panels im Vergleich zu der Anzahl der gestellten Fragen zu gering ist). Die Moderatoren teilten und teilen diese Kritik. Sie standen vor der Frage, entweder diesen Teil der Untersuchung abzubrechen oder die methodischen Schwächen in Kauf zu nehmen, dafür jedoch durchaus interessante inhaltliche Hinweise zu erhalten. Die Moderatoren haben sich für die zweitgenannte Vorgehensweise entschieden. Allerdings sind die dargestellten Ergebnisse zu den relativen Erfolgsaussichten alternativer Forschungsmethoden bei der Beforschung verschiedener Forschungsgegenstände nur eingeschränkt interpretierbar.

So wie die Forschungsgegenstände sind auch die verschiedenen Forschungsmethoden kombinierbare und permanente Entscheidungsparameter (MIX). Die Kombination verschiedener Forschungsmethoden ist z.T. notwendig, um bestimmte konkrete Forschungsgegenstände angemessen behandeln zu können. Hinzu tritt wiederum das Argument der Weiternutzung vergangener Investitionen. Die mit der Erlernung und Verbreitung von Forschungsmethoden verbundenen Investitionen sind hier häufig noch langfristiger als bei den Forschungsgegenständen. Deshalb hat die Frage ihrer optimalen Gewichtung für die Forschung vor allem für die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses besondere Bedeutung.

Bezüglich des zur Verwendung kommenden Forschungsimperativs wird die Clusterung in einen Optimierungs- und in einen Satisfizierungsimperativ im Gegensatz zur Methoden-Clusterung von keinem der Teilnehmer kritisiert. Wiewohl es auf den ersten Blick aussieht, als handele es sich hierbei um eine NOMIX-Situation, zeigen die Ergebnisse (siehe Tab. 13), daß die Mitglieder des Panels auch hier eine MIX-Situation zugrundelegen, denn bezüglich des Marktes "Wissenschaft" obsiegt der Optimierungsimperativ (knapp 63%), während bezüglich des Marktes "Praxis" der Satisfizierungsimperativ mit 80% vorne liegt.

  1. Zur "Vision" der Position der Wirtschaftsinformatik

Bei aller gebotenen Zurückhaltung aufgrund der beschriebenen Einschränkungen der Interpretierbarkeit der Ergebnisse sind grundlegende Strukturen zu erkennen, die sich entweder durch nicht zu erwartende, relativ gleiche Bewertungen alternativer Handlungsoptionen (wie im folgenden Absatz) oder durch stark unterschiedliche Bewertungen ergeben.

Zunächst ist festzustellen, daß die Mitglieder des Panels keine einheitliche "Vision" der Position der Wirtschaftsinformatik in der Wissenschaftswelt der nächsten zehn Jahre formulieren können. Grundsätzlich kann und muß man die Frage stellen, inwieweit 30 ausgewählte Personen die Meinung einer Community widerspiegeln. Allerdings handelt es sich bei den beteiligten Experten um Vertreter derjenigen Gruppen von Personen, die die Zukunft "gestalten", d.h. mit hoher Wahrscheinlichkeit die von ihnen erwarteten Änderungen in der Community durchsetzen werden.

Ein deutliches Beispiel ist aus Tab. 9 zu ersehen, wo 54% der Mitglieder des Panels bekunden, die Wirtschaftsinformatik benötige ein eigenständiges Theoriegebäude, während 43% sagen, die Wirtschaftsinformatik benötige kein eigenständiges Theoriegebäude und solle statt dessen Theoriebausteine aus anderen Disziplinen beziehen. Ein Mitglied des Panels (aus der Gruppe der Universitätsangehörigen) ist gar der Meinung, die Wirtschaftsinformatik brauche überhaupt keine Theorie, denn sie bietet "Learning by Doing" oder "Wissenstransfer durch Unternehmensberatung" an. Man kann daraus folgern, daß zum einen ist die Community diesbezüglich fast gleichgewichtig gespalten. Zum zweiten ist verwunderlich, daß außer einem Beitrag "der alte Quatsch steht immer noch drin", dem sich drei Mitglieder des Panels anschließen, kein breiter Widerspruch bezüglich "Learning by Doing / Wissenstransfer durch Unternehmensberatung" erfolgt. Denn diese "Methode" wird in der Tabelle 6 (konstruktive Methoden) auf den vierten Platz gesetzt, während z.B. die Methode "Optimierungsverfahren" in den Runden zwei und drei auf Platz sieben landet und damit in der vierten Runde nicht mehr weiter betrachtet wird. Auch die entsprechende AHP-Befragung substantiiert, bei aller methodischen Problematik der Clusterung, diese Einschätzung der Mitglieder des Panels. Tab. 8 zeigt, daß "Learning by Doing (Wissenstransfer durch Unternehmensberatung)" und "Kreativitätstechniken" mit mehr als 17% nur knapp dem Cluster "Deduktion" mit mehr als 19% unterlegen ist.

Ein weiteres Indiz für eine Sinn-Spaltung oder die Noch-Nicht-Verfügbarkeit einer gesetzten eigenen Position ist Abb. 1, die die Gewichte der Einflußfaktoren auf die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik aggregiert. Der Markt "Praxis" wird mit 42% an die Spitze gesetzt, während der Markt "Wissenschaft" mit 26% mit deutlichem Abstand Platz 2 einnimmt. Folgerichtig ist die relative Bedeutung des Satisfizierungsimperativs zur Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik mit 62% nahezu doppelt so hoch wie die des Optimierungsimperativs (siehe Abb. 2). In weiterhin folgerichtiger Logik werden dann beispielsweise aufwendige Längsschnittstudien, die als empirische Methoden dazu beitragen können, ein theoretisches Erkenntnisziel zu verfolgen (siehe Tab. 8), auf Platz 7 bewertet und fallen damit aus der vierten Runde heraus (siehe Tab. 5).

Ein drittes Indiz für eine Noch-Nicht-Verfügbarkeit einer gesetzten eigenen Position ist die Liste der Begriffe in Abschnitt 3.3.1.4, um welche sich ein eigenständiges Theoriegebäude entwickeln soll und die am Ende der Diskussion von einem Mitglied des Panels als teilweise völlig inhaltsleer charakterisiert wird. Auf Basis dieser Vorschläge "ist jeder Versuch, eigenständige Theoriekerne zu entwickeln, zum Scheitern verurteilt". Zu dieser Feststellung mag auch beigetragen haben, daß der Begriff "Informationsökonomie", der als möglicher Kristallisationspunkt sechsmal genannt wurde und der auch in enger Beziehung zu der inhaltlichen Ausrichtung der Wirtschaftsinformatik als "Informationswissenschaft" steht (diese Schwerpunktsetzung ist auf Platz drei der zukünftigen Forschungsgegenstände gewertet worden), in der quantitativen und qualitativen Delphi-Diskussion kaum ausgeführt wurde, obwohl mehrfach von einzelnen Mitgliedern des Panels und auch von den Moderatoren eine Klärung eingefordert wurde [KÖHEVP 95].

Es entsteht der Eindruck, daß die Wirtschaftsinformatik versucht, viele Problemarten, Imperative und unterschiedliche Methoden gleichzeitig zu bearbeiten und dabei den verschiedenen Märkten in gleicher Weise Rechnung tragen möchte. Doch zeigt die Forschung zur strategischen Unternehmensführung, daß Unternehmen ohne eine Strategie (im Sinne einer "Speerspitze", also auf spezifische Märkte sich konzentrierend, dafür andere Märkte negierend) in Zeiten äußeren Wettbewerbsdrucks einen schlechteren Vorbereitungsgrad auf diese Herausforderungen aufweisen. Inwieweit sind derartige Überlegungen übertragbar auf eine Wissenschaftscommunity?

Nun kann man mit einem Mitglied des Panels durchaus der Meinung sein, daß "die Suche nach der blauen Blume (der Romantik) nur fähige Köpfe davon abhält, einen Beitrag zur Rettung des Vaterlands zu leisten (also schnell wie auch immer vorzeigbare "Erfolge" zu erzielen). Dieser Gedankengang mag verkennen, daß methodische Grundlagen, die wir heute nicht legen, uns morgen, wenn wir sie denn benötigen, nicht zur Verfügung stehen, zumindest nicht aus eigener Kraft (auch dies mag ein Erklärungsansatz dafür sein, daß im Bereich der Informatik und der Wirtschaftsinformatik viele wichtige methodische Fortentwicklungen aus nordamerikanischen Universitäten und Forschungslabors stammen und in Mitteleuropa dann sehr viel Geld investiert werden muß, "amerikanisch gefügte" Methoden auf unsere Bedarfe anzupassen [GERARD 94]).

In Zusammenfassung dieser Ergebnisse ist der Wirtschaftsinformatik-Community eher anzuraten, langfristig stabile(re) Entwicklungslinien zu formulieren ([MERTENS 95] und [HOCH 95] leisten hierzu beispielhafte Beiträge), aber auch breit zu kommunizieren und zu verfolgen.

  1. "Fit" der Forschungsmethoden und Theoriekerne zu der gewünschten inhaltlichen Ausrichtung der Wirtschaftsinformatik

Bezüglich der zukünftigen Forschungsgegenstände der Wirtschaftsinformatik bestätigt die auf Basis des AHP ermittelte Tab. 3 die Ergebnisse der Delphi-Studie [KÖHEVP 95]: Auf Rangplatz 1 kommt die Ausrichtung der Wirtschaftsinformatik als eine Wissenschaft mit einem starken Bezug zur Organisationslehre. Entsprechend beträgt die relative Bedeutung der Wirtschaftsinformatik-Ausrichtung mit einem starken Bezug zur Organisationslehre zur Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik 38%.

Daraus ergibt sich die Frage, inwieweit die Community auf diese Inhaltsausrichtung methodisch vorbereitet ist. Ein Blick auf die wichtigsten empirischen Methoden (Tab. 5) und konstruktiven Methoden (Tab. 6) gibt zu Bedenken Anlaß. Einerseits wird der umfangreiche Körper empirischer Methoden der Organisationsforschung, der diese Forschungsrichtung in den USA wesentlich bestimmt, kaum reflektiert. Man könnte überspitzt ausdrücken, daß die Mitglieder des Panels sich gerne an die Organisationslehre anlehnen möchten, aber eine Forschungszielausrichtung bevorzugen, die von der heutigen Organisationstheorie "nordamerikanischer Prägung" weitgehend nicht akzeptiert wird. Konstruktive Methoden, die auf die Veränderung von Sachverhalten abzielen, sind in der herrschenden Organisationstheorie den Bereichen "Organizational Delevopment", "Organizational Engineering" oder "Action Research" zuzuordnen und dort durchaus umstritten. Das stärkere Gewicht empirischer Methoden in der herrschenden Organisationstheorie ist wohl als Folge einer starken Gewichtung eines theoretischen Erkenntnisziels anzusehen - wiederum im Gegensatz zu der Betonung des pragmatischen Gestaltungsziels in der vorliegenden Untersuchung. Nun könnte man durchaus argumentieren, daß ein stärker konstruktiver Ansatz auch der herrschenden Organisationstheorie neue Impulse zu geben verspricht. Allerdings wird diese Überlegung nicht von

seiten der Mitglieder des Panels angesprochen.

Mit Blick auf die einzelnen Forschungsmethoden (Tab. 5 und Tab. 6) fällt auf, daß die Listen nur wenige Einträge enthalten und darüber hinaus auch Schwächen offenbaren. So wird beispielsweise in Tab. 12 " (mögliche) Theoriekerne aus der Informatik und den Ingenieur- und Naturwissenschaften" die Mathematik überhaupt nicht angesprochen (ebenso nicht in Tab. 10 und Tab. 11), und die Regelungstechnik und die Konstruktionslehre werden auf die Plätze 1 und 3 gewertet. Wie kann eine Technik oder eine Lehre als Theoriekern fungieren?

Auch unter dem Blickwinkel, daß einige Mitglieder des Panels durch den langen Fragebogen stark beansprucht werden, fällt auf, daß gewisse klärungswürdige Tatbestände trotz Nachfrage nicht geklärt werden. Dies betrifft beispielsweise die Ausführung der Begriffe "Dezentralisierungstheorie" und "Branchentheorien", die immerhin als wichtige wirtschafts- und verhaltenswissenschaftliche Impulsgeber eines eigenen Theoriegebäudes in Tab. 11 auf die Plätze 4 und 5 gesetzt werden. Ein Beispiel für die Nicht-Auseinandersetzung oder die Nicht-Dokumentation einer Auseinandersetzung mit den Argumenten anderer Mitglieder des Panels ist zum Abschluß des Abschnitts 3.3.1.4 notiert, wo ein Teilnehmer einen "sinnvollen Kern, der sich von anderen Wissenschaften unterscheidet", unterbreitet, der nicht reflektiert wird.

Ebenso gibt die Interpretation der Ergebnisse zum Fokus eines eigenständigen Theoriegebäudes (siehe Abschnitt 3.3.1.4) zu Nachfragen Anlaß. Neben der enormen fachlichen Breite des Spektrums fällt auf, daß die Mitglieder des Panels faktisch keine Hinweise zu ausgearbeiteten theoretischen Grundlagen geben, die einen Erkenntnis- oder Begründungszusammenhang liefern. Statt dessen werden viele einzelne Begriffe recht bezuglos nebeneinandergestellt.

  1. Zusammenfassung und Ausblick

Der vorliegende Beitrag beschreibt die Ergebnisse einer kombinierten Delphi- und AHP-Befragung von 30 Experten zu den Forschungsgegenständen, Forschungsmethoden und Theoriekernen der Wirtschaftsinformatik in den nächsten 10 Jahren, um ihre Wettbewerbsposition gegenüber den "Mutterwissenschaften" Wirtschaftswissenschaften und Informatik zu halten oder auszubauen. Der Schwerpunkt der vorliegenden Ausführungen liegt auf den Ergebnissen zu den Forschungsmethoden und Theoriekernen.

Ein wesentliches Ergebnis ist, daß nahezu die Hälfte der Mitglieder des Panels der Meinung ist, die Wirtschaftsinformatik solle ihr Theoriegebäude aus anderen Disziplinen beziehen oder die Wirtschaftsinformatik brauche überhaupt keine Theorie. Die andere Hälfte der Mitglieder des Panels, die die Notwendigkeit eines eigenständigen Theoriegebäudes der Wirtschaftsinformatik bejaht, sieht die Themenbereiche Informationsökonomie, Informations- und kommunikationsbasierte Organisationslehre und Technikgestützte Informations- und Kommunikationssysteme als Mensch-Maschine-Systeme im organisationsspezifischen Kontext als wesentliche Kristallisationspunkte einer eigenständigen Theorie der Wirtschaftsinformatik.

Generell zeigt sich, daß die Mitglieder des Panels, die in eingeschränkter Weise die Wirtschaftsinformatik-Community repräsentieren, keine einheitliche und im Sinne stabiler, in allen Belangen nachvollziehbarer Strukturen "gesetzte Vision" der Positionierung der Wirtschaftsinformatik in der Wissenschaftswelt der nächsten 10 Jahre entwickeln. Zu unterschiedlich sind die ins Auge gefaßten Märkte, auf denen die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik bestimmt wird, respektive deren unterschiedliche Imperative und methodischen Anforderungen an das Fach. Zu wenig scheinen Forschungsmethoden und Theoriekerne zu den Gegenständen zu passend.

Die weitgehend inkonsistente Bearbeitung der AHP-Fragen mag sich auf den komplexen Charakter der Fragestellung, zumal in einer methodisch für die überwiegende Mehrzahl der Teinehmer neuen Form, zurückführen lassen. Eine Interpretation dieser Befunde ist deshalb eigentlich aus methodischen Gründen unzulässig. Dennoch sollen die im Laufe der Untersuchung diskutierten Sachverhalte dem Publikum zur eigenen Meinungsbildung offengelegt werden und zumindest die generelle Tendenz der Ergebnisse mit der gebotenen Zurückhaltung dargestellt werden.

Der Umfang des von den Teilnehmern in jeder der vier Runden zu bearbeitenden Materials wuchs über die Erwartungen der Moderatoren und der Teilnehmer hinaus. Die relative Unschärfe einiger Untersuchungergebnisse des Delphi-Teils sind methodisch begründet. Die Quantität und die hohe Komplexität des Untersuchungsgegenstandes haben die zeitlichen Kapazitäten einiger Teilnehmer überbeansprucht.

[Dank an die Teilnehmer]

Die Studie zeigt, daß auch nach Abschluß der Untersuchungen ein hoher Diskussionsbedarf der Mitglieder des Panels und vermutlich auch der Community zu diesen Fragen besteht. Es wäre interessant, die Untersuchung nach etwa zwei Jahren zu wiederholen, um die Stabilität der gefundenen Ergebnisse zu bestimmen. Ebenso wäre überlegenswert, eine derartige Studie nicht nur von "gestandenen Experten" durchführen zu lassen, sondern auch von Nachwuchsleuten, die ihre Zukunft noch vor sich haben.

  1. Literatur

[GERARD 94]

Gerard, Peter, {Artikel zu den Mißerfolgen von CASE-Tools in der Computerwoche}

[HOCH 95] Hoch, Thomas, {Leserbrief zu Mertens-Beitrag}, gemeinsam

mit Erwiderung von Mertens, Peter, in: WIRTSCHAFTSINFORMATIK 37

(1995) 3, Seiten 328 - 329

[KÖHEVP 95] Koenig, W., Heinzl, A., von Poblotzki, A.: Die zentralen

Forschungsgegenstaende der Wirtschaftsinformatik, erscheint in:

WIRTSCHAFTSINFORMATIK 37 (1995) 4

[LAUX 82]

Laux, H.: Entscheidungstheorie, Springer-Verlag, Berlin 1982

[MERTENS 95]

Mertens, Peter: Von den Moden zum Trend, in: König, Wolfgang (Hrsg.), Wirtschaftsinformatik '95, Heidelberg, 1995, Seiten 34 - 62

[SAATY 90]

Saaty, T. L.: The analytic hierarchy process, RWS Publications, Pittsburgh 1990

[KHOMOU 88]

Khorramshahgol, Reza.; Moustakis Vassilis: Delphi hierarchy Process (DHP), in : European Journal of Operational Research, 1988, S. 347 - 354.

[AZAKHO 90] ,

Azani, Hossein; Khorramshahgol, Reza: Analytic Delphi Method (ADM), in: Engineering Coasts and Production Economics, 1990, S. 23 - 28.

  1. Anhang: Liste der Mitglieder des Panels

Prof. Dr.Bauknecht Universität Zürich
Prof. Dr.Becker Universität Münster
Dipl.-Ing.Breidler Siemens/Nixdorf
Prof. Dr.Buhl Universität Gießen (inzwischen Augsburg)
Dr.Geibig Hoechst AG
Prof. Dr.Geihs Universität Frankfurt
Prof. Dr.Glatthaar IBM Deutschland GmbH
Prof. Dr.Griese Universität Bern
Prof. Dr.Heinrich Universität Linz
Dr.Hultzsch Telekom
Dr.Johannsen Deutsche Bank AG
Prof. Dr.Kieser Universität Manheim
Dipl.-IngKlotz IG Metall
Prof. Dr.Knolmayer Universität Bern
Prof. Dr.Krallmann TU Berlin
Prof. Dr.Krcmar Universität Hohenheim
Prof. Dr.Kurbel Universität Münster
Prof. Dr.Ing.Lockemann TH Karlsruhe
Prof. Dr.Malik Hochschule St. Gallen
Prof. Dr.Mertens Universität Erlangen-Nürnberg
Dr.Meyersieck Exes GmbH
Prof. Dr.Müller-Merbach Universität Kaiserslautern
Prof. Dr.Rudolph Universität München
Prof. Dr.Scheer Universität des Saarlandes
Prof. Dr.Schiemenz Universität Marburg
Prof. Dr.Seibt Universität Köln
Prof. Dr.Sinz Universität Bamberg
Prof. Dr.Weber Hochschule Vallendar
Prof. Dr.Stucky Universität Karlsruhe
Prof. Dr.Zelewski Universität Leipzig