Zusammenfassung:
Von Mai bis September 1994 fand eine kombinierte Delphi- und AHP-Untersuchung
der Fragen statt, welche Forschungsgegenstände, Forschungsmethoden
und Theoriekernen die Wirtschaftsinformatik in den nächsten
zehn Jahren bearbeiten bzw. verwenden soll, um ihre Wettbewerbsposition
gegenüber der Betriebswirtschaftslehre und der Informatik
behaupten zu können. 23 Vertreter der Wissenschaft und 7
Vertreter der Praxis erarbeiteten über vier Runden eine gemeinsame
Position. Über Untersuchungsergebnisse bezüglich der
zukünftig notwendigen Forschungsgegenstände wurde an
anderer Stelle berichtet. Der vorliegende Beitrag beschreibt nun
die Methoden und Theoriekerne, die zur Erforschung der prognostizierten
Inhalte notwendig sind.
Abschließend erfolgt eine kritische Würdigung der zum
Einsatz gekommenen Untersuchungsmethoden und ihrer Eignung für
die vorliegenden Fragestellungen. Es zeigt sich u.a., daß
diese Form von Gruppenbefragungen für derart qualitative
und durch individuelle Einstellungen geprägte Erkenntnisgegenstände
an Grenzen stößt.
Als wesentliches Untersuchungsergebnis ist - bei aller Zurückhaltung
wegen der angesprochenen methodischen Probleme - festzuhalten,
daß im Gegensatz zu einem stabilen Konsens bezüglich
der zukünftigen Forschungsgegenstände bezüglich
der Forschungsmethoden und der Theoriegrundlagen keine einheitliche
"Vision" über die Positionierung der Wirtschaftsinformatik
in der Wissenschaftswelt der nächsten 10 Jahre entwickelt
wird. Vielmehr ist ein fragmentiertes und bisweilen auch lückenhaftes
Bild der zukünftigen Forschungsmethoden und Theoriekerne
der Wirtschaftsinformatik festzustellen.
Die Wirtschaftsinformatik steht als Wissenschaftsdisziplin im
Wettbewerb mit ihren "Mutterwissenschaften" Wirtschaftswissenschaften
und Informatik. Wir gehen davon aus, daß die Wirtschaftsinformatik
eine eigenständige Lehr- und Forschungsdisziplin darstellt
und daß die in der "Community" gepflegten Forschungsgegenstände
maßgebliche Entwicklungstreiber des Fachs darstellen. Forschungsgegenstände
sind mit adäquaten Forschungsmethoden zu bearbeiten; diese
wiederum basieren auf geeigneten Theoriekernen.
Forschungsergebnisse und Lehrinhalte auf ressourcenmäßig
begrenzten Märkten (z.B. Finanzmittel, Anzahl der Professuren/Mitarbeiter,
Anzahl der Studenten) werden erarbeitet und angeboten, so daß
es nahe liegt, das Denkmodell des Wettbewerbs der Untersuchung
zugrundezulegen. Die Frage lautet also: Auf welche Forschungsgegenstände,
Forschungsmethoden und Theoriekerne soll sich die Wirtschaftsinformatik
in den nächsten zehn Jahren konzentrieren, um ihre Wettbewerbsposition
gegenüber der Betriebswirtschaftslehre und der Informatik
behaupten oder ausbauen zu können? Der Planungshorizont
von 10 Jahren resultiert aus der Überlegung, daß sich
der Wandel in wissenschaftlichen Disziplinen nicht rasch vollzieht.
Promotionen, die einen wesentlichen Beitrag zum wissenschaftlichen
Erkentnisfortschritt leisten, dauern beispielsweise drei bis fünf
Jahre. Auch DFG -Schwerpunktprogramme werden fünf Jahre gefördert.
Von Mai bis September 1994 fand eine kombinierte Delphi- und AHP-Untersuchung
der vorgenannten Fragen statt. 23 Experten aus Wissenschaft und
7 führende Vertreter aus der Praxis erarbeiteten über
vier Runden eine gemeinsame Position. Von den 23 Vertretern der
Wissenschaft sind 14 Wirtschaftsinformatiker, die anderen Mitglieder
des Panels sind von Hause aus Betriebswirte, Informatiker oder
Naturwissenschaftler.
In [KÖHEVP 95] wird als Ergebnis bezüglich der Forschungsgegenstände
dargestellt, daß sich die Wirtschaftsinformatik zukünftig
stärker als eine Wissenschaft mit einem starken Bezug zur
Organisationslehre versteht, um die Wettbewerbsposition der Wirtschaftsinformatik
zu halten oder auszubauen. Die folgenden Rangplätze sehen
die Wirtschaftsinformatik als eine Wissenschaft zur Gestaltung
der Informationsverarbeitungs-Funktion in Unternehmen (Querschnittsfunktion)
sowie als eine Wissenschaft, die darauf abzielt, den Leistungsfaktor
Information im Unternehmen geeignet einzusetzen.
In dem folgenden Beitrag werden nun die Untersuchungsergebnisse
bezüglich der zur Erforschung dieser Gegenstände notwendigen
Forschungsmethoden und Theoriegrundlagen ausgeführt.
In der vorliegenden Untersuchung werden die Delphi-Methode und
die AHP-Methode (Analytic Hierarchy Process) miteinander kombiniert.
Die Delphi-Methode ist eine strukturierte schriftliche Befragung
von Mitgliedern eines Panels. Nach einer offenen ersten Befragungsrunde,
in welcher die Mitglieder des Panels ihre Grundsatzpositionen
zu den Forschungsgegenständen, Forschungsmethoden und Theoriekernen
darlegten, folgten drei weitere Runden, in welchen die von den
Teilnehmern dargelegten Sachverhalte strukturiert und quantitativ
sowie qualitativ bewertet wurden. Nach jeder Runde wurde seitens
der Moderatoren eine Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse
erstellt und an alle Mitglieder des Panels verteilt. Sachverhalte,
zu welchen viele Anregungen von den Mitgliedern des Panels formuliert
wurden, wurden in eine Delphi-Hierarchie gestellt, um den Überblick
herzustellen und die Bewertung seitens der Mitglieder des Panels
zu vereinfachen. Mehrere Mitglieder des Panels
sahen sich außerstande, eine allgemeine Diskussion über
Forschungsmethoden zu führen. Ihrer Meinung nach könne
die Relevanz von Forschungsmethoden der Wirtschaftsinformatik
nicht unabhängig von Forschungsgegenständen bewertet
werden. Dieser Gedanke wird im AHP-Ansatz aufgenommen, in dem
die mit Hilfe der Delphi-Methode explorierten
wichtigsten Forschungsgegenstände und Forschungsmethoden
in Beziehung gesetzt wurden.
Der AHP-Ansatz ist eine Methode zur Entscheidungsunterstützung,
mit der Abhängigkeiten von miteinander verbundenen Größen
einer Entscheidung hierarchisch analysiert werden. Auf der untersten
Hiearchieebene werden frei wählbaren Entscheidungsparameter
im Sinne von Handlungsalternativen spezifiziert; die oberste Ebene
reflektiert das Generalziel des betreffenden Entscheidungsproblems.
Die Zwischenschaltung weiterer Ebenen, die den entscheidungsrelevanten
Realitätsausschnitt nach verschiedenen Dimensionen differenziert,
eröffnet eine schrittweise Inbeziehungsetzung von Handlungsalternativen
und Zielsetzungen, anstatt dem Entscheider eine unmittelbare Bewertung
abzuverlangen, die von ihm ggf. als zu schwierig abgelehnt würde.
Die Intensität, mit der eine bestimmte Größe
einer Menge von K Entscheidungsgrößen einer
höher liegenden Ebene von den einzelnen Größen
der unmittelbar darunterliegenden Ebene abhängt, wird durch
eine quadratische Paarvergleichsmatrix
erfaßt. Die gesamte Interdependenz der beiden Ebenen wird
also durch K Paarvergleichsmatrizen erfaßt. Das Element
der Matrix Ak
drückt aus, daß die i-te Größe der
untergeordneten Ebene einen mit dem Faktor
höheren Einfluß auf die Größe
ausübt als die j-te Größe der untergeordneten
Ebene.
Die aggregierten Gewichte aller im AHP erfaßten Einflußgrößen
auf die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik zeigt
Abbildung 1:
Abbildung 1:
Aggregierte Gewichte aller erfaßten Einflußgrößen
auf die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik
Diese mittels Paarvergleichsmatrizen mögliche Erfassung der
Abhängigkeiten zweier Ebenen wird für sämtliche
Paare unmittelbar benachbarter Ebenen vorgenommen. So sind z.B.
für eine 4-Ebenen-Hierarchie mit oben einer Größe
(hier: "Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik"),
darunter vier Größen (hier: die Märkte, nämlich
"Wissenschaft", "Studenten", "Praxis"
"Stellen"), darunter vier Größen (hier: die
wichtigsten inhaltlichen Ausrichtungen der Wirtschaftsinformatik,
nämlich "Bezug zur Organisationslehre", "Funktionale
Betriebswirtschaftslehre", "Informationswissenschaft",
"Innovationswissenschaft") und darunter vier Größen
(hier: vier verschiedene Klassen von Forschungsmethoden) eine
vierzeilige, vier vierzeilige und weitere vier vierzeilige Paarvergleichsmatrizen
zu bestimmen. Der Entscheider spezifiziert die Komponenten von
Paarvergleichsmatrizen auf einer neungeteilten metrischen Skala
(1/9,1/7,1/5,1/3,1,3,5,7,9). Für jede Paarvergleichsmatrix
Ak wird ein Gewichtungsvektor bk
errechnet, dessen Komponenten den relativen
Einfluß der i-ten untergeordneten Größe
auf die übergeordnete Größe xk
angeben. Die Vier-Ebenen-Hierarchie des obigen Beispiels wird
durch einen vierkomponentigen Gewichtungsvektor, vier vierkomponentige
und weitere vier vierkomponentige Gewichtungsvektoren beschrieben.
Die Gewichtungsvektoren werden ebenso zu Matrizen zusammengefaßt,
die dann von unten nach oben miteinander multipliziert werden.
Das Ergebnis dieser linearen Berechnung ist eine Gewichtung der
frei wählbaren Entscheidungsparameter (unterste Ebene) hinsichtlich
ihres Einflusses auf das Generalziel des Entscheidungsproblems
(oberste Ebene).
Die Anzahl der AHP-Ebenen (Dimensionen des Entscheidungsproblems) sowie die Auswahl der einzelnen Größen auf jeder Ebene werden vom Moderatorenteam vorgegeben. Dabei sollen zum einen die wesentlichen Einflußgrößen auf die Gesamtentscheidung (hier: die Messung der Wettbewerbsfähigkeit) erfaßt werden. Zum anderen ist die Anzahl der paarweisen Vergleiche, die bei diesem Untersuchungsaufbau schnell über alle Schranken steigt, so weit wie möglich zu begrenzen. In dem vorliegenden Fall bestimmen die Mitglieder des Panels zum großen Teil selbst die Einflußgrößen auf den einzelnen Ebenen. Sie ergeben sich aus der parallel durchgeführten Delphibefragung, nämlich die inhaltliche Ausrichtung der Wirtschaftsinformatik sowie die in der Untersuchung angesprochenen Forschungsmethoden. Die für die verschiedenen Mitglieder des Panels errechneten Gewichte werden durch arithmetisch gemittelt.
In der Delphi-Methode wird gefragt: Welche Forschungsgegenstände
muß die Wirtschaftsinformatik in den nächsten zehn
Jahren untersuchen, wenn sie ihre Wettbewerbsposition gegenüber
der Betriebswirtschaftslehre und der Informatik halten oder ausbauen
will?
Im Anschluß wird für die AHP-Untersuchung zunächst
das allgemeine Ziel "Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik"
präzisiert. Der Erfolg der Wirtschaftsinformatik-Fachvertreter
im Wettbewerb mit anderen Disziplinen wird als deren Fähigkeit
definiert, ihre Wissenschaftsprodukte (Veröffentlichungen,
Lehrveranstaltungen, Projekte, Vorträge, Prototypen, etc.)
auf relevanten Märkten abzusetzen. Als relevante Märkte
werden definiert:
Die Richtigkeit und Vollständigkeit dieser Systematik wurde
von keinem der Teilnehmer kritisiert.
Die relative Bedeutung dieser Märkte für den Erfolg
der Wirtschaftsinformatik insgesamt wird mittels AHP-Befragung
bestimmt:
| relative Bedeutung | Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik |
| - Wissenschaft | 26,34% |
| - Studenten und Mitarbeiter | 15,95% |
| - Praxis | 42,02% |
| - Stellen | 15,69% |
Es fällt auf, daß nach Meinung des Panels das "Verwertinteresse"
der Praxis (d.h. der Industrie- und Dienstleistungsunternehmen)
an den Ergebnissen der Wirtschaftsinformatik mit 42% den stärksten
Einfluß auf die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik
ausübt, mit Abstand gefolgt von der Präsenz in der Wissenschaft
mit 26%.
Zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik
stehen bei der Delphibefragung die folgenden vier zentralen Forschungsgegenstände
(inhaltliche Ausrichtungen der Wirtschaftsinformatik) auf den
höchsten Rängen:
Differenziert man nach den einzelnen Wissenschaftsmärkten,
so führt die AHP-Befragung zu folgenden relativen Erfolgsaussichten
für diese vier möglichen Forschungsgegenstände:
| relative Erfolgsaussichten | Wissenschaft | Studenten
und Mitarbeiter | Praxis | Stellen |
| - Organisationslehre | 36,42% | 35,11% | 41,88% | 33,23% |
| - Funktionale Betriebswirtschaftslehre | 23,82% | 23,31% | 23,04% | 23,58% |
| - Informationswissenschaft | 18,94% | 18,82% | 18,15% | 24,37% |
| - Innovationswissenschaft | 20,83% | 22,75% | 16,93% | 18,81% |
Daraus resultieren folgende relative Bedeutungen der Forschungsgegenstände
für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik
insgesamt:
| relative Bedeutung | Wettbewerbsfähigkeit
der Wirtschaftsinformatik |
| - Organisationslehre | 38,00% |
| - Funktionale Betriebswirtschaftslehre | 23,38% |
| - Informationswissenschaft | 19,48% |
| - Innovationswissenschaft | 19,14% |
Dieses (metrisch skalierte) Ergebnis bestätigt die mittels Delphi-Befragung bestimmte Rangfolge der Forschungsgegenstände.
Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung
der Teilnehmer, mit welchem relativen Gewicht jede Methodenklasse
von der Wirtschaftsinformatik angewendet werden soll (siehe Tabelle
4). Die beiden zur Auswahl stehenden Methodenklassen werden von
den Moderatoren vorgegeben.
| Methodenklassen | %-AnteilR4 |
| - konstruktive Methoden, die überwiegend deduktionsgetrieben sind und primär zur Veränderung von Sachverhalten dienen | 60% |
| - empirische Methoden, die überwiegend induktionsgetrieben sind und primär dem Zweck der Überprüfung von Theorien zur Erklärung gegebener Sachverhalte dienen | 40% |
Sechs der 30 Mitglieder des Panels sind der Auffassung, daß die Vorteilhaftigkeit bestimmter Methoden nur vor dem Hintergrund konkreter Fragestellungen behandelt werden kann. Drei andere Teilnehmer stellen fest, daß man bei Anwendung jeder Methode deduzieren und induzieren muß. Ein Teilnehmer merkt an, daß empirische Methoden zur 'Überprüfung von Theorien' präsupponieren, daß die Wirtschaftsinformatik über Theorien im strengen wissenschaftstheoretischen Verständnis des Theoriebegriffs verfügt. Da dies allenfalls in rudimentären Ansätzen zutrifft, dürfte nach Einschätzung dieses Teilnehmers ein mehr als bescheidenes Gewicht für empirische Methoden zur Theorieüberprüfung eher dem Wunschdenken der Zunft der Wirtschaftsinformatiker als der epistenischen Qualität ihres Wissensfundus entsprechen.
Auf Basis der offenen ersten Runde werden nun empirische und konstruktive
Methoden zu Klassen zusammengefaßt und in den Delphi-Runden
zwei bis vier von den Mitgliedern des Panels bewertet, verbal
kommentiert sowie Ergänzungen vorgenommen (z.B. wird die
Methode "Forschung durch Entwicklung" nach Runde drei
eingeführt). Nach der dritten Runde wurde die Anzahl der
untersuchten Variablen auf die jeweils ersten fünf Nennungen
reduziert, um den Umfang des sich sukzessive verlängernden
Fragebogens zu beschneiden und eine Fokussierung auf die wichtigsten
Forschungsmethoden und Theoriegrundlagen zu erreichen.
Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung
der Teilnehmer, welche empirischen Methoden von besonderer Bedeutung
sind, damit die Wirtschaftsinformatik ihre Wettbewerbsposition
behaupten bzw. ausbauen kann (siehe Tabelle 5).
| Empirische Methoden |
| R4 |
| - Exploration mittels Fallstudien und Feldstudien | 1,36 | 0,74 |
| - Beobachtung (z.B. des Anwender- oder Systemverhaltens) | 2,24 | 0,76 |
| - Referenzmodelle als quasi-empirischer (semi-formaler) Ansatz | 3,60 | 1,26 |
| - Mündliche oder schriftliche Befragungen | 3,72 | 0,92 |
| - Forschung durch Entwicklung | 4,68 | 1,66 |
| - Ex-Post-Beschreibungen und Interpretationen realer Sachverhalte | 5,04 | 0,82 |
Ein Mitglied des Panels weist auf Überschneidungen innerhalb
der empirischen Methoden hin. Beispielsweise können nach
seinen Überlegungen schriftliche Befragungen zur Durchführung
von Längsschnittstudien durchgeführt werden.
Das Moderatorenteam wies die Teilnehmer darauf hin, daß
diese beiden Variablen innerhalb der Fragestellung nur sehr schwach
korreliert seien. Hierzu bemerkte ein weiterer Mitwirkender, daß
mangelnde Korrelationen in Antworten kein Gegenbeweis für
mögliche hierarchische Abhängigkeiten innerhalb der
Antworten sind. Nach der Einschätzung von drei Teilnehmern
benötigt man Referenzmodelle als Basis für alle
empirischen Methoden. Ein anderer Teilnehmer ist der Ansicht,
daß Referenzmodelle nicht in diese Methodenklasse
gehören.
Ein Teilnehmer schlägt vor, Feld- und Fallstudien
zu trennen. Nach Ansicht eines Teilnehmers ist die Fallstudie
die erkenntnistheoretisch schwächste Form der Feldstudie.
Die Methode Beobachtung ist für ein Mitglied des Panels
viel zu allgemein und für alle engeren Forschungsmethoden
erforderlich. Ein anderer Teilnehmer erläutert, daß
Beobachtungen im Sinne von Regelkreisen zu optimalen Ergebnissen
führen, aber immer Soll- und Istgrößen nötig
sind. Versuche liefern immer nur Istgrößen und sind
somit vergangenheitsgerichtet.
Zwei Teilnehmer stellen in Frage, ob es sich bei der Methode Forschung
durch Entwicklung um eine empirische Methode handelt. Für
einen Vertreter der Praxis gehört dieser Punkt zur Kategorie
Learning by Doing und wird ausdrücklich befürwortet.
Ein weiterer Mitwirkender führt aus, daß eine anwendungsorientierte
Wissenschaft im Interesse ihrer Fortschrittsfähigkeit nicht
auf experimentelle Forschung durch reale Problemlösungsarbeit
verzichten kann.
Für einen Teilnehmer ist hier eine Rangreihenfolge empirischer Methoden sinnlos.
Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung
der Teilnehmer, welche konstruktiven Methoden von besonderer Bedeutung
sind, damit die Wirtschaftsinformatik ihre Wettbewerbsposition
behaupten bzw. ausbauen kann (siehe Tabelle 6).
| Konstruktive Methoden |
| R4 |
| - Entwicklung und Test von Prototypen | 1,54 | 0,76 |
| - Simulation | 2,75 | 1,23 |
| - Modellierung | 3,29 | 1,81 |
| - Deduktion | 3,96 | 1,24 |
| - Learning by Doing (Wissenstransfer durch Unternehmensberatung) | 4,17 | 1,40 |
| - Kreativitätstechniken | 4,83 | 1,11 |
In der Diskussion wird mehrfach auf mögliche hierarchische
Abhängigkeiten und Überschneidungen innerhalb der Antworten
hingewiesen. Insbesondere wird Deduktion als eine grundlegende
Arbeitstechnik angesehen. Zwei Diskussionsbeiträge beziehen
sich explizit auf den Voraussetzungscharakter von Deduktion
für die Entwicklung einer Konstruktionslehre. Ein Teilnehmer
sieht in Modellierung Voraussetzung bzw. Bestandteil jeder
Art von Konstruktion. Ein Teilnehmer fragt, wie Simulation
anders als durch Laborforschung möglich sein soll.
Für einen Teilnehmer ist Konstruktion ohne Kreativität
schwer nachvollziehbar.
Ein Mitglied des Panels fragt nach dem zentralen Unterschied zwischen
Modellierung und Entwicklung und Test von Prototypen.
In der folgenden Runde erläutert ein anderer Teilnehmer,
daß Modellierung und Simulation bei technischen
Entwicklungen in der Regel die Vorstufe zu[r Entwicklung von;
die Verf.] Prototypen darstellen. Ein weiterer Teilnehmer führt
aus, daß Simulation nicht allgemein als Modellbildung,
sondern als Schreiben von Zustandsgeschichten verstanden wird.
In vier Beiträgen von Mitgliedern des Panels wird der Methodencharakter
von Learning by Doing bestritten. Ein Teilnehmer bedauert,
daß (...) der alte Quatsch Learning by Doing und
dann auch noch mit der Erläuterung Wissenstransfer durch
Unternehmensberatung immer noch drin steht. Für
ihn ist es nicht nachvollziehbar, wie man hierin eine Forschungsmethode
sehen kann. Diesem Argument schließen sich drei weitere
Teilnehmer an.
Dieser Kritik wird in zwei Beiträgen entgegengehalten, daß
Learning by Doing auch Action Research genannt wird und
dann eine Methode der sozio-technischen Gestaltung ist, die anerkennt,
daß soziale Situationen einmalig sind und Gestaltung, die
über Prototypenbau hinausgeht, eine Veränderung im organisatorischen
Gefüge hervorruft. Die Gleichsetzung der Begriffe Learning
by Doing, Action Research und Beratung wird von diesem Teilnehmer
jedoch als zumindest problematisch erkannt. Weiterhin soll Doing
im Sinne von Prototypenentwicklung und Sammeln von Erfahrungen
verstanden werden, da früh erkannte Fehler die billigsten
sind.
Ein Teilnehmer bemerkt zum Punkt Entwicklung und Test von Prototypen, daß Informatiker und kommerzielle Unternehmen Prototypen professioneller entwickeln können als Wirtschaftsinformatiker. Diesem Standpunkt wird entgegnet, daß dies nur der Fall ist, wenn sie den betriebswirtschaftlichen Sachverhalt durchschaut haben, was nicht a priori gegeben ist.
Der von vielen Teilnehmern der Delphibefragung geäußerten
Kritik, Forschungsmethoden seien nicht unabhängig vom jeweiligen
Forschungsgegenstand bewertbar, wird mit einer AHP-Befragung Rechnung
getragen, bei der nach den vier zentralen Forschungsgegenständen
(vgl. Abschnitt 3.1) differenziert wird. Zwei Teilnehmer lehnten
auch dieses Konzept mit dem Hinweis ab, die Eignung alternativer
Forschungsmethoden sei ausschließlich mit Bezug auf die
ganz konkrete Fragestellung bewertbar.
Um zu einer noch zumutbaren Anzahl von AHP-Fragen (Paarvergleichen)
zu gelangen, werden die in der Delphi Befragung auf den vordersten
Rängen ermittelten konstruktiven und empirischen Forschungsmethoden
nach sachlicher Zusammengehörigkeit in vier Clustern
zusammengefaßt, wobei die Unterteilung in konstruktive bzw.
empirische Methoden aufgegeben wird (die vorbeschriebene Kritik
der Mitglieder des Panels bezüglich der Trennschärfe
der einzeln genannten Methoden respektive bezüglich bestehender
Abhängigkeiten legte dies nahe):
Die AHP-Befragung ergab folgende relative Bedeutungen dieser Methodencluster
für die vier wichtigsten Ausrichtungsalternativen der Wirtschaftsinformatik
(die wichtigsten Forschungsgegenstände), um die Wettbewerbsposition
der Wirtschaftsinformatik zu halten oder auszubauen (siehe Tabelle
7):
| relative Bedeutung der Methodencluster | Organisations-lehre | Funktionale Betriebswirt-schaftslehre | Informations-wissenschaft | Innovations-wissenschaft |
| - Entwicklung und Test von Prototypen, Simulation, Laborexperimente |
31,67% |
33,28% | 34,84% | 49,29% |
| - Learning by Doing (Wissenstransfer durch Unternehmensberatung), Kreativitätstechniken | 19,61% | 16,88% | 13,95% | 17,85% |
| - Deduktion | 20,96% | 18,31% | 23,37% | 15,22% |
| - Fall- und Feldstudien, Beobachtung (z.B. des Anwender- oder Systemverhaltens), mündliche oder schriftliche Befragungen. |
27,76% | 31,53% | 27,84% | 17,64% |
Es fällt auf, daß der Methodencluster "Prototypbau",
"Simulation" und "Laborexperimente" mit Abstand
an der Spitze liegt, während der Methodencluster "Deduktion"
den vorletzten Platz einnimmt, nur knapp vor dem heftig umstrittenen
Methodencluster "Learning by Doing" und "Kreativitätstechniken".
Folgende beispielhafte Aussagen lassen sich [vgl. Abb. 1] nun
treffen: Die Akzeptanz in der "Wissenschaft", d.h. die
Präsenz in namhaften wissenschaftlichen Zeitschriften, auf
Tagungen und in der Deutschen Forschungsgemeinschaft, trägt
zu 26% zur Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik
bei. Die inhaltliche Ausrichtung der Wirtschaftsinformatik mit
einem starken "Bezug zur Organisationslehre" trägt
zu 38% zur Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik
bei, aggregiert über die vier darüberliegenden Wissenschaftsmärkte
und deren Gewichte. Der Methodencluster "Prototypen",
"Simulation" und "Laborexperimente" trägt
wiederum zu 36% zur Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsinformatik
bei, aggregiert über alle vier hier betrachteten inhaltlichen
Ausrichtungsoptionen der Wirtschaftsinformatik sowie über
die vier hier betrachteten Wissenschaftsmärkte.
Die Methodencluster und deren Gewichtung im Rahmen des AHP werden von einigen Mitgliedern des Panels heftig diskutiert und kritisiert; dies reichte in Einzelfällen bis hin zur Verweigerung der weiteren Mitarbeit. Ein Teilnehmer ist der Meinung, daß Learning by Doing keine Forschungsmethode ist und bewertet deshalb nur teilweise. Für drei weitere Mitglieder des Panels sind die Fragen unzulässig, da völlig heterogene Methoden zu nur einer Alternative vermengt worden sind. Ein Teilnehmer ist der Auffassung, daß sich die Forschungsmethode nach der konkreten Fragestellung richtet und nicht nach allgemeinen Forschungsgebieten. Deshalb sind nach seiner Auffassung die Fragen nicht seriös beantwortbar. Drei weitere Mitglieder des Panels beantworten die Fragen nicht oder nur teilweise, ohne dies zu begründen.
Aus der Analyse der Antworten in der offenen Runde eins ergaben sich vier Fragenkomplexe: Die Frage nach der Art des Erkenntnisziels, der Notwendigkeit eines eigenständigen Theoriegebäudes, den Impulsgebern für ein eigenständiges Theoriegebäude und der Fokussierung auf ein eigenständiges Theoriegebäude. Das Moderatorenteam fügte die Frage nach der Bedeutung alternativer Forschungsimperative hinzu.
Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung
der Teilnehmer, welches Erkenntnisziel die Wirtschaftsinformatik
zukünftig verfolgen soll, um ihre Wettbewerbsposition zu
halten oder auszubauen (siehe Tabelle 8).
| Art des Erkenntnisziels | %-AnteilR4 |
| - pragmatisches Erkenntnisziel (Wie ist in einem bestimmten Sachverhalt zu verfahren?) |
74% |
| - theoretisches Erkenntnisziel (Warum sind bestimmte Sachverhalte genau so?) | 26% |
Zwei Mitglieder des Panels betonen, daß das theoretische
und das pragmatische Erkenntnissziel gleich wichtig sind. Für
einen Teilnehmer hängt die Präferenz vom Untersuchungsgegenstand
ab. Ein Teilnehmer ist der Auffassung, daß das pragmatische
Erkenntnisziel das theoretische Erkenntnisziel impliziert.
Nach Auffassung eines Mitglieds des Panels begründet ein
theoretisches Erkenntnisziel unter anderem die Wirtschaftsinformatik
als eine Wissenschaft. Vier weitere Teilnehmer schließen
sich diesem Argument an. Zwei Teilnehmern ist ein rein pragmatisches
Erkenntnisziel zu simpel. Je ein Vertreter der Wissenschaft und
der Praxis bemerken, daß nichts so praktisch ist, wie eine
gute Theorie.
Ein Teilnehmer ist der Auffassung, daß die Wirtschaftsinformatik
nicht an die Universität gehört, wenn das pragmatische
Erkenntnisziel überwiegt.
Nach Ansicht eines Teilnehmers geht es im Grunde um die Frage 'konstruktive Wissenschaft versus Erkenntniswissenschaft'. Ein anderer Teilnehmer erläutert: Warum klärt Zusammenhänge, wie ohne warum ist 'Im-Nebel-stochern' unter dem Deckmantel der Wissenschaft und Kochbuchschreiben. Das wie verbessern auf Basis von Erkenntnissen zum warum ist ein wissenschaftliches Erkenntnisziel.
Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung
der Teilnehmer über die Notwendigkeit eines eigenständigen
Theoriegebäudes der Wirtschaftsinformatik (siehe Tabelle
9).
| Notwendigkeit einer eigenständigen Theorie der Wirtschaftsinformatik | %-Anteil R4 |
| - Ja, die Wirtschaftsinformatik benötigt zukünftig ein eigenständiges Theoriegebäude | 54% |
| - Nein, die Wirtschaftsinformatik soll zukünftig ihr Theoriegebäude aus anderen Disziplinen beziehen | 43% |
| - Nein, die Wirtschaftsinformatik braucht keine Theorie | 3% |
Ein Mitglied des Panels konstatiert, daß eine Wissenschaft
ohne eigenständiges Theoriegebäude keine eigenständige
Wissenschaft ist. Ein anderer Teilnehmer schlägt vor, zunächst
mehrere Partialtheorien zu entwickeln.
Drei Teilnehmer begründen, daß es hinreichend viele
gute Theorien gibt, die nur gezielt angewandt werden müssen.
Ein Teilnehmer hat keine Hoffnung, daß die Wirtschaftsinformatik
in absehbarer Zukunft eine eigene Theorie entwickelt, da es ihr
bisher noch nicht gelungen ist.
Ein weiteres Mitglied des Panels schließt nicht aus, daß
die Wirtschaftsinformatik ein eigenständiges Theoriegebäude
entwickelt, hält dies aber nicht für unbedingt erstrebenswert.
In einem weiteren Beitrag wird erläutert, daß aufgrund
der auch zukünftig zu fordernden Anwendungsorientierung der
Wirtschaftsinformatik eine Fokussierung auf eine eigene Theorie
in die falsche Richtung geht.
Ein Teilnehmer stellt fest: "Die Informatik hat nicht die eigene Theorie, die Ökonomie nicht, die Skeptik nicht, die Medizin nicht. Wie sollte es gelingen, für die Wirtschaftsinformatik eine zu entwickeln? Die Suche nach der blauen Blume (der Romantik) hält nur fähige Köpfe von einem Beitrag zur Rettung des Vaterlands ab.
Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der Einschätzung
der Teilnehmer, aus welchen Disziplinen die Wirtschaftsinformatik
die stärksten Impulse bei der Herausbildung eines eigenen
Theoriegebäudes erfahren soll (siehe Tabelle 10).
| Impulsgeber für ein eigenes Theoriegebäude |
| R4 |
| 1,19 | 0,56 |
| 2,50 | 0,80 |
| 3,30 | 1,10 | |
| 3,73 | 1,16 |
| 4,19 | 0,88 |
Im Hinblick auf die Informatik wird im Laufe der Diskussion
von vier Mitgliedern des Panels zum Ausdruck gebracht, daß
Theorien der Informatik der Wirtschaftsinformatik keine starken
Impulse geben können, da sie sich nur auf das Verhalten von
Maschinen und nicht von Menschen beziehen. Ein Teilnehmer widerspricht
diesem Argument, da hier ein veraltetes Bild der Informatik zugrunde
liegt.
Für einen Teilnehmer sind die Verhaltenswissenschaften wichtig,
da es sich bei Informationssystemen um Mensch-Maschine-Systeme
handelt und die Rolle der Verhaltenswissenschaften wichtig
ist für Akzeptanz und Motivation. Derzeit wird vor allem
die Komponente 'Maschine' betrachtet, die Komponente 'Mensch'
wird mit dem Begriff 'Nutzer' idealisiert, aber nicht hinreichend
differenziert betrachtet.
Für ein Mitglied des Panels muß die Betrachtung von Systemen und deren Verhalten wesentlicher Bestandteil der Wirtschaftsinformatik sein.
Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der möglichen
Impulsgeber aus den Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaften
zur Entwicklung einer Theorie der Wirtschaftsinformatik (siehe
Tabelle 11).
| Wirtschafts- und verhaltenswissenschaftliche Theoriekerne |
| R4 |
| - Organisationstheorie, insbesondere Ablauforganisation | 1,15 | 0,46 |
| - Entscheidungstheorie | 2,00 | 0,49 |
| - Neuere Institutionenlehre | 3,24 | 0,65 |
| - Dezentralisierungstheorie | 4,00 | 0,65 |
| - Branchentheorien | 4,50 | 0,82 |
Die inhaltliche Diskussion zu dieser Frage beschränkt sich
auf die Feststellung, daß Lerntheorien für
die Gestaltung von Benutzerschnittstellen eminent wichtig sind.
Mehrfach wird in der Diskussion nach der inhaltlichen Bedeutung, insbesondere der Dezentralisierungstheorie, der Branchentheorie und der Standardisierungstheorie gefragt, ohne daß seitens der Mitglieder des Panels Klärungsversuche unternommen werden. Ein Teilnehmer verweigert die Bewertung, da seiner Meinung nach hier Theorien und Wissenschaftstheorien zur Auswahl stehen. Eine Rangfolge anzugeben ist erst möglich, wenn nur noch Theorien zur Auswahl stehen.
Die Abschlußauswertung ergibt folgendes Bild der möglichen
Impulsgeber aus der Informatik, den Ingenieur- und den Naturwissenschaften
zur Entwicklung einer Theorie der Wirtschaftsinformatik (siehe
Tabelle 12).
| Theoriekerne aus Informatik, Ingenieur-
und Naturwissenschaften |
| R4 |
| - Regelungstechnik | 2,24 | 1,34 |
| - Systemtheorie | 2,72 | 1,31 |
| - Konstruktionslehre | 2,80 | 1,20 |
| - Netzwerktheorie | 2,92 | 1,09 |
| - Graphentheorie | 4,28 | 1,28 |
In der nicht gerade intensiven Diskussion stellen vier Mitglieder des Panels fest, daß die Regelungstechnik ein Teil der Systemtheorie ist. Erst in der letzten Runde ergänzt ein anderer Teilnehmer um die Punkte Petri-Netz-Theorie und Transaktionskonzepte der Informatik.
Da knapp die Hälfte der Teilnehmer bereits in Frage 3.3.1.2
bestreitet, daß die Wirtschaftsinformatik einer eigenständigen
Theorie oder überhaupt einer Theorie bedarf, formulierten
diese zu einem großen Teil zu der vorliegenden Frage keine
Beiträge. Als Ergebnis des über alle vier Runden andauernden
Meinungsbildungsprozesses sind nun die Schlüsselbegriffe
nach absteigender Häufigkeit ihrer Nennung aufgelistet, wobei
ab Position 7 jeder Begriff nur noch einmal genannt ist:
Viele Mitglieder des Panels, die der Entwicklung eines eigenständigen
Theoriegebäudes skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen,
begründen dies gerade mit den vorgeschlagenen Themen, um
welche sich Theoriekerne kristallisieren sollen. Diese Vorschläge
zeigen, so ein Teilnehmer, daß jeder Versuch, eigenständige
Theoriekerne zu entwickeln, zum Scheitern verurteilt ist. Weiter
führt er aus: "Und selbst wenn man von der Notwendigkeit
eines eigenständigen Theoriegebäudes ausgeht, so kann
dieses doch wohl nicht auf der Basis der o.g. teilweise völlig
inhaltsleeren Aspekte entwickelt werden. Alle oben genannten Kerne
können in BWL oder Informatik untergebracht werden. Dies
spricht für interdisziplinäre Forschung, aber nicht
für eine eigene Forschungsdisziplin. Sonst wären auch
Rechts-, Versicherungs-, Medizin- und ... -Informatik jeweils
eigenständig. Dies ist keine abwertende Stellungnahme zu
den 'Bindestrich-Informatiken', sondern vielleicht waren diese
gerade in der Vergangenheit deshalb erfolgreich, weil sie sich
nicht erst als eigenständige Wissenschaft beweisen mußten
(das dauert 50 Jahre), vielmehr konnten diese interdisziplinären
Bereiche konkrete Probleme mit existierenden Theorien lösen."
Für ein anderes Mitglied des Panels ist der Fokus durch die
Forschungsgegenstände bestimmt.
Ein weiterer Teilnehmer schlägt vor, die
" - Informationsökonomie zu (a),
- Informations- und kommunikationssystembasierte Organisationslehre, technikgestützte Informations- und Kommunikationssysteme als Mensch-Maschine-Systeme im organisationsspezifischen Kontext zu (b),
- Modellierung betrieblicher Systeme, Informationssysteme und Anwendungssysteme; Dynamische Theorie der inner-, interorganisatorischen, nationalen und internationalen Arbeitsteilung, Dynamische Modellierung von Wirtschaftssystemen zu (c) und
- Strukturationstheorie zu (d)
zusammenzufassen. Die Teile a, b, c und d ergeben einen sinnvollen Kern, der sich von anderen Wissenschaften unterscheidet."
Bislang wurden Wissenschaftsmärkte, Forschungsgegenstände,
Forschungsmethoden und Theoriekerne als Dimensionen des Entscheidungsproblems
identifiziert. Die Untersuchung der zentralen Forschungsgegenstände
der Wirtschaftsinformatik ist auch nach unterschiedlichen Forschungsimperativen
möglich. Forschungsimperative charakterisieren die
Art und Weise der Erforschung von Forschungsgegenständen
d.h. die anzuwendenden Forschungsmethoden sowie die Eigenschaften
der damit konstruierbaren Theorien (Forschungsergebnisse).
Wir unterscheiden zunächst den Optimierungsimperativ,
der die Entwicklung von Theorien fordert, deren Anwendung im Gültigkeitsbereich
optimale Lösungen garantiert. Demgegenüber steht der
Satisfizierungsimperativ, der die Entwicklung von Theorien
fordert, deren Anwendung die pragmatische Auffindung befriedigender
Lösungen ermöglicht.
Die relativen Beiträge der beiden Forschungsimperative zur
Wettbewerbsfähigkeit auf den verschiedenen Wissenschaftsmärkten
werden mittels AHP-Befragung ermittelt (siehe Tabelle 13)
| relative Beiträge | Wissenschaft | Studenten und Mitarbeiter | Praxis | Stellen |
| - Optimierungsimperativ | 62,87% | 42,55% | 19,94% | 39,91% |
| - Satisfizierungsimperativ | 37,13% | 57,45% | 80,06% | 60,09% |
Die aggregierten Einflußgrößen der AHP-Untersuchung
zeigt Abb. 2:
Abbildung 2: Aggregierte Einflußgrößen
bezüglich der beiden Forschungsimperative
Dieses Ergebnis bestätigt grundsätzlich die Untersuchungsergebnisse
zur Delphi-Frage nach der Art des Erkenntnisziels (pragmatisches
Erkenntnisziel: 74%, theoretisches Erkenntnisziel: 26%; vgl. Abschnitt
3.3.1.1).
Von 40 angeschriebenen Experten aus Wissenschaft und Praxis nahmen
30 Personen die Einladung zur Teilnahme an der Studie an; die
Absagen wurden durchweg mit Terminproblemen begründet. Von
den 30 Mitgliedern des Panels nehmen 26 an allen vier Runden der
Untersuchung teil. Dieser hohe Wert läßt zum einen
auf die Bedeutung der Fragestellung und zum anderen auf den grundsätzlichen
Willen der Mitglieder des Panels zu einer methodengestützten
Erforschung der Tatbestände schließen (auch wenn, wie
beschrieben, bei einigen Fragen heftige Kritik aufkam). Von den
30 Teilnehmern sind sieben aus Unternehmen und 23 Teilnehmer gehören
einer Universität an, wobei diese sich in 14 Wirtschaftsinformatiker,
vier Informatiker und fünf Betriebswirte aufteilen. Insofern
ist die von zwei Teilnehmern geäußerte Vermutung, das
Panel sei BWL-lastig, unzutreffend.
Ein erstes Indiz für methodische Probleme kann man darin
sehen, daß die Mitglieder des Panels - entgegen der Erwartung
- relativ wenig untereinander diskutiert und sich miteinander
auseinandergesetzt haben. Dies mag darauf hindeuten, daß
der Fragebogen im Verlauf der Fragerunden zu lang wurde, da die
qualitativen Kommentare wie auch die quantitativen Bewertungen
der Vorrunden jeweils aggregiert und kumuliert in den Folgerunden
aufgeführt wurden. In Runde vier umfaßte der Fragebogen
mehr als 30 (!) Seiten. Interessant ist jedoch, daß gerade
die Vertreter der Praxis die Fragebogen mit gleichbleibender Intensität
beantwortet haben.
Das AHP-Verfahren gestattet, durch Analyse der paarweisen Vergleichsantworten Inkonsistenzen aufzudecken, die durch "Ringschlüsse" erzeugt werden. Inkonsistenzen werden durch eine Kennzahl CR (consistency ratio) erfaßt. In der Literatur wird ein CR von 0,1 als gerade noch akzeptabel angesehen und für den Fall größerer Inkonsistenzen zunächst eine Ursachenanalyse empfohlen. In der vorliegenden Untersuchung wurde der Wert von 0,1 nur selten erreicht. Ob dies allein vor dem Hintergrund der zahlreichen Paarvergleichsfragen und dem begrenzten Zeitbudget der Mitglieder des Panels erklärbar ist, soll dahingestellt bleiben. In jedem Fall schränkt es die Verläßlichkeit und Aussagekraft der Befunde stark ein. Aufgrund dieser weitgehenden methodischen Einschränkungen sollten die Befunde nach dem AHP-Ansatz allenfalls als Tendenzen interpretiert werden.
Im Zusammenhang mit der Frage, in welcher Art die "Gruppenmeinung",
die nach der AHP-Methode durch wichtige Vertreter der Community
entwickelt wird, in mögliche Gestaltungsentscheidungen der
Community "zu übersetzen" ist, sind die erarbeiteten
Gewichte - abhängig von der Natur des Entscheidungsproblems
- auf zwei Arten interpretierbar:
1. Repräsentiert die unterste Ebene Handlungsalternativen,
die sich gegenseitig ausschließen und einmalig
zu realisieren sind (exklusive, einmalige Entscheidungsparameter),
so ist die Handlungsalternative mit dem größten Gewicht
zu realisieren. Diese Interpretation der AHP-Gewichte, die wir
mit "NOMIX" bezeichnen, entspricht dem Denkansatz
beim Grundmodell der normativen Entscheidungstheorie und wird
in der AHP-Literatur gängigerweise unterstellt.
2. Repräsentiert jedoch die unterste Ebene Handlungsalternativen,
die sich nicht gegenseitig ausschließen und permanent
zu realisieren sind, so entsteht eine vollkommen andere Situation.
Diese Interpretation bezeichnen wir mit "MIX".
Repräsentiert in diesem Sinne die unterste Ebene Entscheidungsparameter,
die kombinierbar sind und deren Ausprägungen sich nur langsam
anpassen lassen, so ist wie folgt abzuwägen:
2a) Verursacht die Realisierung der am höchsten gewichteten Handlungsalternative vernachlässigbare Investitionskosten (Anpassungskosten), so steht ihrer ausschließlichen intensiven Förderung nichts entgegen.
2b) Existieren jedoch derartige Kosten, so läßt sich
die Förderung hoch gewichteter Handlungsalternativen nur
dann rechtfertigen, wenn eine ausreichend lange Investitionsnutzungsdauer
erwartet wird. Je schneller sich jedoch der Wandel vollzieht,
dem die mittels AHP modellierte Realität unterliegt, desto
unsicherer wird der Investitionsertrag eindeutiger Richtungsentscheidungen.
Dann erscheint es in einem solchen Fall nicht unsinnig, z.B. geringfügig
überlegene Alternativen gegenüber anderen (momentan
unterlegenen) Alternativen massiv zu fördern.
Wenn wir diese Unterscheidung auf die verschiedenen Ebenen der
AHP-Hierarchie (siehe Abb. 1) anwenden, so wird klar, daß
die alternativen Forschungsgegenstände als kombinierbar
und permanent zu klassifizieren sind (MIX), und da der
Übergang zu neuen oder anderen Forschungsgegenständen
mit Investitionen (Einarbeiten in neue Wissensbereiche, Anwerbung
qualifizierter Forscher, Einwerbung von Mitteln usw.) verbunden
ist, spielt die Änderungsgeschwindigkeit der modellierten
Realität im Vergleich zum Ausmaß dieser Investitionen
die entscheidende Rolle (Fall 2b). Hieraus bestimmt sich das optimale
Migrationstempo der Wirtschaftsinformatik-Fachvertreter als Community.
Eine formale Spezifikation dieses Modells steht noch aus. [MERTENS
95] konstatiert viele "Moden" (in) der Wirtschaftsinformatik,
was darauf hindeuten mag, daß in der Vergangenheit die Investitionskosten
zum Einstieg in ein neues Arbeitsgebiet eine eher untergeordnete
Rolle gespielt haben.
Bezüglich der alternativen Forschungsmethoden ist
auf z.T. heftige Kritik zu verweisen, die sich an der Zusammenfassung
verschiedenartiger Forschungsmethoden zu Methodenclustern
entzündete. Die Clusterung wurde vorgenommen, um die Anzahl
der Paarvergleiche nicht über alle Schranken wachsen zu lassen
(zumal, wie bereits beschrieben, die CR-Kennzahl darauf hindeutet,
daß das Zeitbudget vieler Mitglieder des Panels im Vergleich
zu der Anzahl der gestellten Fragen zu gering ist). Die Moderatoren
teilten und teilen diese Kritik. Sie standen vor der Frage, entweder
diesen Teil der Untersuchung abzubrechen oder die methodischen
Schwächen in Kauf zu nehmen, dafür jedoch durchaus interessante
inhaltliche Hinweise zu erhalten. Die Moderatoren haben sich für
die zweitgenannte Vorgehensweise entschieden. Allerdings sind
die dargestellten Ergebnisse zu den relativen Erfolgsaussichten
alternativer Forschungsmethoden bei der Beforschung verschiedener
Forschungsgegenstände nur eingeschränkt interpretierbar.
So wie die Forschungsgegenstände sind auch die verschiedenen
Forschungsmethoden kombinierbare und permanente Entscheidungsparameter
(MIX). Die Kombination verschiedener Forschungsmethoden
ist z.T. notwendig, um bestimmte konkrete Forschungsgegenstände
angemessen behandeln zu können. Hinzu tritt wiederum das
Argument der Weiternutzung vergangener Investitionen. Die mit
der Erlernung und Verbreitung von Forschungsmethoden verbundenen
Investitionen sind hier häufig noch langfristiger als bei
den Forschungsgegenständen. Deshalb hat die Frage ihrer optimalen
Gewichtung für die Forschung vor allem für die Ausbildung
des wissenschaftlichen Nachwuchses besondere Bedeutung.
Bezüglich des zur Verwendung kommenden Forschungsimperativs wird die Clusterung in einen Optimierungs- und in einen Satisfizierungsimperativ im Gegensatz zur Methoden-Clusterung von keinem der Teilnehmer kritisiert. Wiewohl es auf den ersten Blick aussieht, als handele es sich hierbei um eine NOMIX-Situation, zeigen die Ergebnisse (siehe Tab. 13), daß die Mitglieder des Panels auch hier eine MIX-Situation zugrundelegen, denn bezüglich des Marktes "Wissenschaft" obsiegt der Optimierungsimperativ (knapp 63%), während bezüglich des Marktes "Praxis" der Satisfizierungsimperativ mit 80% vorne liegt.
Bei aller gebotenen Zurückhaltung aufgrund der beschriebenen
Einschränkungen der Interpretierbarkeit der Ergebnisse sind
grundlegende Strukturen zu erkennen, die sich entweder durch nicht
zu erwartende, relativ gleiche Bewertungen alternativer Handlungsoptionen
(wie im folgenden Absatz) oder durch stark unterschiedliche Bewertungen
ergeben.
Zunächst ist festzustellen, daß die Mitglieder des
Panels keine einheitliche "Vision" der Position der
Wirtschaftsinformatik in der Wissenschaftswelt der nächsten
zehn Jahre formulieren können. Grundsätzlich kann und
muß man die Frage stellen, inwieweit 30 ausgewählte
Personen die Meinung einer Community widerspiegeln. Allerdings
handelt es sich bei den beteiligten Experten um Vertreter derjenigen
Gruppen von Personen, die die Zukunft "gestalten", d.h.
mit hoher Wahrscheinlichkeit die von ihnen erwarteten Änderungen
in der Community durchsetzen werden.
Ein deutliches Beispiel ist aus Tab. 9 zu ersehen, wo 54% der
Mitglieder des Panels bekunden, die Wirtschaftsinformatik benötige
ein eigenständiges Theoriegebäude, während 43%
sagen, die Wirtschaftsinformatik benötige kein eigenständiges
Theoriegebäude und solle statt dessen Theoriebausteine aus
anderen Disziplinen beziehen. Ein Mitglied des Panels (aus der
Gruppe der Universitätsangehörigen) ist gar der Meinung,
die Wirtschaftsinformatik brauche überhaupt keine Theorie,
denn sie bietet "Learning by Doing" oder "Wissenstransfer
durch Unternehmensberatung" an. Man kann daraus folgern,
daß zum einen ist die Community diesbezüglich fast
gleichgewichtig gespalten. Zum zweiten ist verwunderlich, daß
außer einem Beitrag "der alte Quatsch steht immer noch
drin", dem sich drei Mitglieder des Panels anschließen,
kein breiter Widerspruch bezüglich "Learning by Doing
/ Wissenstransfer durch Unternehmensberatung" erfolgt. Denn
diese "Methode" wird in der Tabelle 6 (konstruktive
Methoden) auf den vierten Platz gesetzt, während z.B. die
Methode "Optimierungsverfahren" in den Runden zwei und
drei auf Platz sieben landet und damit in der vierten Runde nicht
mehr weiter betrachtet wird. Auch die entsprechende AHP-Befragung
substantiiert, bei aller methodischen Problematik der Clusterung,
diese Einschätzung der Mitglieder des Panels. Tab. 8 zeigt,
daß "Learning by Doing (Wissenstransfer durch Unternehmensberatung)"
und "Kreativitätstechniken" mit mehr als 17% nur
knapp dem Cluster "Deduktion" mit mehr als 19% unterlegen
ist.
Ein weiteres Indiz für eine Sinn-Spaltung oder die Noch-Nicht-Verfügbarkeit
einer gesetzten eigenen Position ist Abb. 1, die die Gewichte
der Einflußfaktoren auf die Wettbewerbsfähigkeit der
Wirtschaftsinformatik aggregiert. Der Markt "Praxis"
wird mit 42% an die Spitze gesetzt, während der Markt "Wissenschaft"
mit 26% mit deutlichem Abstand Platz 2 einnimmt. Folgerichtig
ist die relative Bedeutung des Satisfizierungsimperativs zur Wettbewerbsfähigkeit
der Wirtschaftsinformatik mit 62% nahezu doppelt so hoch wie die
des Optimierungsimperativs (siehe Abb. 2). In weiterhin folgerichtiger
Logik werden dann beispielsweise aufwendige Längsschnittstudien,
die als empirische Methoden dazu beitragen können, ein theoretisches
Erkenntnisziel zu verfolgen (siehe Tab. 8), auf Platz 7 bewertet
und fallen damit aus der vierten Runde heraus (siehe Tab. 5).
Ein drittes Indiz für eine Noch-Nicht-Verfügbarkeit
einer gesetzten eigenen Position ist die Liste der Begriffe in
Abschnitt 3.3.1.4, um welche sich ein eigenständiges Theoriegebäude
entwickeln soll und die am Ende der Diskussion von einem Mitglied
des Panels als teilweise völlig inhaltsleer charakterisiert
wird. Auf Basis dieser Vorschläge "ist jeder Versuch,
eigenständige Theoriekerne zu entwickeln, zum Scheitern verurteilt".
Zu dieser Feststellung mag auch beigetragen haben, daß der
Begriff "Informationsökonomie", der als möglicher
Kristallisationspunkt sechsmal genannt wurde und der auch in enger
Beziehung zu der inhaltlichen Ausrichtung der Wirtschaftsinformatik
als "Informationswissenschaft" steht (diese Schwerpunktsetzung
ist auf Platz drei der zukünftigen Forschungsgegenstände
gewertet worden), in der quantitativen und qualitativen Delphi-Diskussion
kaum ausgeführt wurde, obwohl mehrfach von einzelnen Mitgliedern
des Panels und auch von den Moderatoren eine Klärung eingefordert
wurde [KÖHEVP 95].
Es entsteht der Eindruck, daß die Wirtschaftsinformatik
versucht, viele Problemarten, Imperative und unterschiedliche
Methoden gleichzeitig zu bearbeiten und dabei den verschiedenen
Märkten in gleicher Weise Rechnung tragen möchte. Doch
zeigt die Forschung zur strategischen Unternehmensführung,
daß Unternehmen ohne eine Strategie (im Sinne einer "Speerspitze",
also auf spezifische Märkte sich konzentrierend, dafür
andere Märkte negierend) in Zeiten äußeren Wettbewerbsdrucks
einen schlechteren Vorbereitungsgrad auf diese Herausforderungen
aufweisen. Inwieweit sind derartige Überlegungen übertragbar
auf eine Wissenschaftscommunity?
Nun kann man mit einem Mitglied des Panels durchaus der Meinung
sein, daß "die Suche nach der blauen Blume (der Romantik)
nur fähige Köpfe davon abhält, einen Beitrag zur
Rettung des Vaterlands zu leisten (also schnell wie auch
immer vorzeigbare "Erfolge" zu erzielen). Dieser
Gedankengang mag verkennen, daß methodische Grundlagen,
die wir heute nicht legen, uns morgen, wenn wir sie denn benötigen,
nicht zur Verfügung stehen, zumindest nicht aus eigener Kraft
(auch dies mag ein Erklärungsansatz dafür sein, daß
im Bereich der Informatik und der Wirtschaftsinformatik viele
wichtige methodische Fortentwicklungen aus nordamerikanischen
Universitäten und Forschungslabors stammen und in Mitteleuropa
dann sehr viel Geld investiert werden muß, "amerikanisch
gefügte" Methoden auf unsere Bedarfe anzupassen [GERARD
94]).
In Zusammenfassung dieser Ergebnisse ist der Wirtschaftsinformatik-Community eher anzuraten, langfristig stabile(re) Entwicklungslinien zu formulieren ([MERTENS 95] und [HOCH 95] leisten hierzu beispielhafte Beiträge), aber auch breit zu kommunizieren und zu verfolgen.
Bezüglich der zukünftigen Forschungsgegenstände
der Wirtschaftsinformatik bestätigt die auf Basis des AHP
ermittelte Tab. 3 die Ergebnisse der Delphi-Studie [KÖHEVP
95]: Auf Rangplatz 1 kommt die Ausrichtung der Wirtschaftsinformatik
als eine Wissenschaft mit einem starken Bezug zur Organisationslehre.
Entsprechend beträgt die relative Bedeutung der Wirtschaftsinformatik-Ausrichtung
mit einem starken Bezug zur Organisationslehre zur Wettbewerbsfähigkeit
der Wirtschaftsinformatik 38%.
Daraus ergibt sich die Frage, inwieweit die Community auf diese Inhaltsausrichtung methodisch vorbereitet ist. Ein Blick auf die wichtigsten empirischen Methoden (Tab. 5) und konstruktiven Methoden (Tab. 6) gibt zu Bedenken Anlaß. Einerseits wird der umfangreiche Körper empirischer Methoden der Organisationsforschung, der diese Forschungsrichtung in den USA wesentlich bestimmt, kaum reflektiert. Man könnte überspitzt ausdrücken, daß die Mitglieder des Panels sich gerne an die Organisationslehre anlehnen möchten, aber eine Forschungszielausrichtung bevorzugen, die von der heutigen Organisationstheorie "nordamerikanischer Prägung" weitgehend nicht akzeptiert wird. Konstruktive Methoden, die auf die Veränderung von Sachverhalten abzielen, sind in der herrschenden Organisationstheorie den Bereichen "Organizational Delevopment", "Organizational Engineering" oder "Action Research" zuzuordnen und dort durchaus umstritten. Das stärkere Gewicht empirischer Methoden in der herrschenden Organisationstheorie ist wohl als Folge einer starken Gewichtung eines theoretischen Erkenntnisziels anzusehen - wiederum im Gegensatz zu der Betonung des pragmatischen Gestaltungsziels in der vorliegenden Untersuchung. Nun könnte man durchaus argumentieren, daß ein stärker konstruktiver Ansatz auch der herrschenden Organisationstheorie neue Impulse zu geben verspricht. Allerdings wird diese Überlegung nicht von
seiten der Mitglieder des Panels angesprochen.
Mit Blick auf die einzelnen Forschungsmethoden (Tab. 5 und Tab.
6) fällt auf, daß die Listen nur wenige Einträge
enthalten und darüber hinaus auch Schwächen offenbaren.
So wird beispielsweise in Tab. 12 " (mögliche) Theoriekerne
aus der Informatik und den Ingenieur- und Naturwissenschaften"
die Mathematik überhaupt nicht angesprochen (ebenso nicht
in Tab. 10 und Tab. 11), und die Regelungstechnik und die Konstruktionslehre
werden auf die Plätze 1 und 3 gewertet. Wie kann eine Technik
oder eine Lehre als Theoriekern fungieren?
Auch unter dem Blickwinkel, daß einige Mitglieder des Panels
durch den langen Fragebogen stark beansprucht werden, fällt
auf, daß gewisse klärungswürdige Tatbestände
trotz Nachfrage nicht geklärt werden. Dies betrifft beispielsweise
die Ausführung der Begriffe "Dezentralisierungstheorie"
und "Branchentheorien", die immerhin als wichtige wirtschafts-
und verhaltenswissenschaftliche Impulsgeber eines eigenen Theoriegebäudes
in Tab. 11 auf die Plätze 4 und 5 gesetzt werden. Ein Beispiel
für die Nicht-Auseinandersetzung oder die Nicht-Dokumentation
einer Auseinandersetzung mit den Argumenten anderer Mitglieder
des Panels ist zum Abschluß des Abschnitts 3.3.1.4 notiert,
wo ein Teilnehmer einen "sinnvollen Kern, der sich von anderen
Wissenschaften unterscheidet", unterbreitet, der nicht reflektiert
wird.
Ebenso gibt die Interpretation der Ergebnisse zum Fokus eines
eigenständigen Theoriegebäudes (siehe Abschnitt 3.3.1.4)
zu Nachfragen Anlaß. Neben der enormen fachlichen Breite
des Spektrums fällt auf, daß die Mitglieder des Panels
faktisch keine Hinweise zu ausgearbeiteten theoretischen Grundlagen
geben, die einen Erkenntnis- oder Begründungszusammenhang
liefern. Statt dessen werden viele einzelne Begriffe recht bezuglos
nebeneinandergestellt.
Der vorliegende Beitrag beschreibt die Ergebnisse einer kombinierten
Delphi- und AHP-Befragung von 30 Experten zu den Forschungsgegenständen,
Forschungsmethoden und Theoriekernen der Wirtschaftsinformatik
in den nächsten 10 Jahren, um ihre Wettbewerbsposition gegenüber
den "Mutterwissenschaften" Wirtschaftswissenschaften
und Informatik zu halten oder auszubauen. Der Schwerpunkt der
vorliegenden Ausführungen liegt auf den Ergebnissen zu den
Forschungsmethoden und Theoriekernen.
Ein wesentliches Ergebnis ist, daß nahezu die Hälfte
der Mitglieder des Panels der Meinung ist, die Wirtschaftsinformatik
solle ihr Theoriegebäude aus anderen Disziplinen beziehen
oder die Wirtschaftsinformatik brauche überhaupt keine Theorie.
Die andere Hälfte der Mitglieder des Panels, die die Notwendigkeit
eines eigenständigen Theoriegebäudes der Wirtschaftsinformatik
bejaht, sieht die Themenbereiche Informationsökonomie,
Informations- und kommunikationsbasierte Organisationslehre
und Technikgestützte Informations- und Kommunikationssysteme
als Mensch-Maschine-Systeme im organisationsspezifischen Kontext
als wesentliche Kristallisationspunkte einer eigenständigen
Theorie der Wirtschaftsinformatik.
Generell zeigt sich, daß die Mitglieder des Panels, die
in eingeschränkter Weise die Wirtschaftsinformatik-Community
repräsentieren, keine einheitliche und im Sinne stabiler,
in allen Belangen nachvollziehbarer Strukturen "gesetzte
Vision" der Positionierung der Wirtschaftsinformatik in der
Wissenschaftswelt der nächsten 10 Jahre entwickeln. Zu unterschiedlich
sind die ins Auge gefaßten Märkte, auf denen die Wettbewerbsfähigkeit
der Wirtschaftsinformatik bestimmt wird, respektive deren unterschiedliche
Imperative und methodischen Anforderungen an das Fach. Zu wenig
scheinen Forschungsmethoden und Theoriekerne zu den Gegenständen
zu passend.
Die weitgehend inkonsistente Bearbeitung der AHP-Fragen mag sich
auf den komplexen Charakter der Fragestellung, zumal in einer
methodisch für die überwiegende Mehrzahl der Teinehmer
neuen Form, zurückführen lassen. Eine Interpretation
dieser Befunde ist deshalb eigentlich aus methodischen Gründen
unzulässig. Dennoch sollen die im Laufe der Untersuchung
diskutierten Sachverhalte dem Publikum zur eigenen Meinungsbildung
offengelegt werden und zumindest die generelle Tendenz der Ergebnisse
mit der gebotenen Zurückhaltung dargestellt werden.
Der Umfang des von den Teilnehmern in jeder der vier Runden zu
bearbeitenden Materials wuchs über die Erwartungen der Moderatoren
und der Teilnehmer hinaus. Die relative Unschärfe einiger
Untersuchungergebnisse des Delphi-Teils sind methodisch begründet.
Die Quantität und die hohe Komplexität des Untersuchungsgegenstandes
haben die zeitlichen Kapazitäten einiger Teilnehmer überbeansprucht.
[Dank an die Teilnehmer]
Die Studie zeigt, daß auch nach Abschluß der Untersuchungen ein hoher Diskussionsbedarf der Mitglieder des Panels und vermutlich auch der Community zu diesen Fragen besteht. Es wäre interessant, die Untersuchung nach etwa zwei Jahren zu wiederholen, um die Stabilität der gefundenen Ergebnisse zu bestimmen. Ebenso wäre überlegenswert, eine derartige Studie nicht nur von "gestandenen Experten" durchführen zu lassen, sondern auch von Nachwuchsleuten, die ihre Zukunft noch vor sich haben.
[GERARD 94]
Gerard, Peter, {Artikel zu den Mißerfolgen von CASE-Tools
in der Computerwoche}
[HOCH 95] Hoch, Thomas, {Leserbrief zu Mertens-Beitrag}, gemeinsam
mit Erwiderung von Mertens, Peter, in: WIRTSCHAFTSINFORMATIK 37
(1995) 3, Seiten 328 - 329
[KÖHEVP 95] Koenig, W., Heinzl, A., von Poblotzki, A.: Die zentralen
Forschungsgegenstaende der Wirtschaftsinformatik, erscheint in:
WIRTSCHAFTSINFORMATIK 37 (1995) 4
[LAUX 82]
Laux, H.: Entscheidungstheorie, Springer-Verlag, Berlin 1982
[MERTENS 95]
Mertens, Peter: Von den Moden zum Trend, in: König, Wolfgang
(Hrsg.), Wirtschaftsinformatik '95, Heidelberg, 1995, Seiten 34
- 62
[SAATY 90]
Saaty, T. L.: The analytic hierarchy process, RWS Publications,
Pittsburgh 1990
[KHOMOU 88]
Khorramshahgol, Reza.; Moustakis Vassilis: Delphi hierarchy Process
(DHP), in : European Journal of Operational Research, 1988, S.
347 - 354.
[AZAKHO 90] ,
Azani, Hossein; Khorramshahgol, Reza: Analytic Delphi Method (ADM),
in: Engineering Coasts and Production Economics, 1990, S. 23 -
28.
| Prof. Dr. | Bauknecht | Universität Zürich |
| Prof. Dr. | Becker | Universität Münster |
| Dipl.-Ing. | Breidler | Siemens/Nixdorf |
| Prof. Dr. | Buhl | Universität Gießen (inzwischen Augsburg) |
| Dr. | Geibig | Hoechst AG |
| Prof. Dr. | Geihs | Universität Frankfurt |
| Prof. Dr. | Glatthaar | IBM Deutschland GmbH |
| Prof. Dr. | Griese | Universität Bern |
| Prof. Dr. | Heinrich | Universität Linz |
| Dr. | Hultzsch | Telekom |
| Dr. | Johannsen | Deutsche Bank AG |
| Prof. Dr. | Kieser | Universität Manheim |
| Dipl.-Ing | Klotz | IG Metall |
| Prof. Dr. | Knolmayer | Universität Bern |
| Prof. Dr. | Krallmann | TU Berlin |
| Prof. Dr. | Krcmar | Universität Hohenheim |
| Prof. Dr. | Kurbel | Universität Münster |
| Prof. Dr.Ing. | Lockemann | TH Karlsruhe |
| Prof. Dr. | Malik | Hochschule St. Gallen |
| Prof. Dr. | Mertens | Universität Erlangen-Nürnberg |
| Dr. | Meyersieck | Exes GmbH |
| Prof. Dr. | Müller-Merbach | Universität Kaiserslautern |
| Prof. Dr. | Rudolph | Universität München |
| Prof. Dr. | Scheer | Universität des Saarlandes |
| Prof. Dr. | Schiemenz | Universität Marburg |
| Prof. Dr. | Seibt | Universität Köln |
| Prof. Dr. | Sinz | Universität Bamberg |
| Prof. Dr. | Weber | Hochschule Vallendar |
| Prof. Dr. | Stucky | Universität Karlsruhe |
| Prof. Dr. | Zelewski | Universität Leipzig |