Netzeffektgüter und

Diffusionsprozesse von Standards

(Thema 9)

im Rahmen des speziellen Seminars:

"Ausgewählte Problemfelder der Wirtschaftsinformatik"

im Wintersemester 1997/98 bei:

Prof. Dr. W. König

Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik
Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt/Main

von:
stud.rer.pol. J.Hack
JHack@compuserve.com


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Gang der Untersuchung

2 Standards

3 Netzeffektgüter

3.1 Standards und Netzeffektgüter

3.2 Netzeffektgüter und Komplementärgüter

3.3 Die ‚kritischen Masse‘ und das Start-up-Problem

3.4 Eine Nachfragekurve für Netzeffektgüter

3.5 Die Nachfragekurve von Rohlfs

3.5.1 Herleitung

3.5.2 Interpretation

3.6 Zusammenfassung

4 Diffusion von Innovationen

4.1 Diffusionsmodelle

4.1.1 Exponentielle Diffusionsmodelle

4.1.2 Logistische Diffusionsmodelle

4.1.3 Semilogistische Diffusionsmodelle

4.2 Zusammenfassung

5 Marketingstrategien und Standards

5.1 Die positive Beeinflussung der Erwartungsbildung

5.1.1 Potentielle Konsumenten

5.1.2 Potentielle, gewerbliche Konsumenten

5.2 Die Versicherungslösung

5.3 Differenzierungsstrategien

5.3.1 Die personenbezogene Differenzierungsstrategie

5.3.2 Die zeitliche Differenzierungsstrategie

5.4 Komplementärgüter

6 Fazit


1 Einleitung

Standards bzw. die Standardisierung von Abläufen gewinnen in einer Welt-Gemeinschaft, bei welcher Innovationen in allen Bereichen in immer kürzeren zeitlichen Abständen erfolgen, die Märkte immer größer und Informationen immer wichtiger werden, zunehmend an Bedeutung. Standards können die Phase der Informationssammlung vereinfachen, das Risiko von Fehlentscheidungen verringern, grundsätzlich Abläufe vereinfachen bzw. vereinheitlichen und leisten somit einen wichtigen Beitrag zur Senkung von Transaktionskosten.

1.1 Gang der Untersuchung

In der vorliegenden Arbeit werden verschiedene Modelle vorgestellt, anhand derer die Markteinführung und Diffusion von Standards erklärt werden soll. Dabei wird zunächst auf Standards selbst eingegangen, wobei sich der Blick auf die Fragen richtet, was Standards sind und welche Vor- und Nachteile Standards für Anbieter und Nachfrager auf Märkten mit sich bringen können. Darauf folgend werden Modelle dargestellt, mit denen der Prozeß der Einführung und Diffusion von Standards auf Märkten beschrieben werden kann, nämlich im einzelnen das Modell der Netzeffektgüter und der Diffusion von Innovationen. Im letzten Teil schließlich werden verschiedene Strategien dargestellt, mit Hilfe derer Probleme gelöst werden können, welche sich bei der der Einführung und Diffusion von Standards auf Märkten ergeben.

2 Standards

Allgemein kann man unter Standards bzw. Standardisierung, die Vereinheitlichung von Objekten verstehen. In dieser Arbeit sollen solche Standards betrachtet werden, welche sich auf Leistungen und Leistungselemente, sowie Verfahren beziehen, welche bei ihrer Hervorbringung eingesetzt werden (vgl. Kleinaltenkamp, 1995, S.2354).

Weiterhin werden nicht Standardisierungsprozesse innerhalb einer Unternehmung, sondern Standardisierungsprozesse von Gütern und Dienstleistungen, im weiten Sinne, auf Märkten untersucht, also Sach- oder Dienstleistungen, welche einem potentiellen Abnehmer gegen Entgelt zur Nutzung überlassen werden (vgl. Fantapié, 1990, S.2).

Die Etablierung eines Standards in einem Markt stellt einen Selektionsprozeß dar, da sich nicht alle angebotenen Standards durchsetzen können. Kleinaltenkamp schreibt:

"Die Entwicklung von Standards auf Märkten resultiert aus der Tatsache, daß das Wissen um die Eigenschaften und Qualitäten von Gütern und Transaktionspartnern in aller Regel ungleich verteilt ist." (Kleinaltenkamp, 1995, S.2360)

Aus diesem Informationsdefizit resultiert auf der Nachfragerseite ein Risiko bei der Kaufentscheidung, welches durch die Standardisierung verringert wird. Auf der Herstellerseite verringert sich durch etablierte Standards das Risiko eventueller Fehlinvestitionen, da die technischen Spezifikationen weitgehend bekannt sind. Standards können somit auch als Informationsträger im Marktprozeß angesehen werden. Es ergeben sich jedoch nicht nur Vorteile durch Standards, da die Substituierbarkeit von Gütern durch Standardisierung auf Märkten wächst (vgl. Kleinaltenkamp, 1995, S.2363). Diese Nachteile können jedoch durch diverse Marketingstrategien wieder wettgemacht werden, von denen einige im letzten Teil der Arbeit beschrieben werden.

3 Netzeffektgüter

Netzeffektgüter sind Güter, bei denen ‚Skaleneffekte‘ auf der Nachfrageseite vorliegen. Die Bereitschaft potentieller Käufer, ein Netzeffektgut zu erwerben, ist um so höher, je mehr andere Wirtschaftssubjekte es gibt, welche bereits im Besitz des Gutes sind (Vgl. Wiese, S.43). Ein anschauliches Beispiel für ein Netzeffektgut ist das Telefaxgerät:

"Durch die Deutsche Bundespost wurde 1979 ein herstellerunabhängiger Dienst eingeführt, der weltweite Kompatibilität der an das Netz angeschlossenen Güter garantiert" (Fantapié, 1990, S.19-20).

3.1 Standards und Netzeffektgüter

Der Standard der Deutschen Bundespost setzte sich gegen die Standards anderer Anbieter durch und bot somit die Basis für die Diffusion der Innovation Telefax, da die Bundespost eine genügend große "Standardisierungskraft" besaß.

Standards stellen Netzeffektgüter insofern dar, als daß der durch sie gegebene Nutzen davon abhängt, ob der Standard von einem überwiegenden Teil der Marktteilnehmer anerkannt und genutzt wird oder nicht. Allerdings muß man hier unterscheiden zwischen Gütern, welche mit der Intention auf den Markt gebracht werden, den Standard zu bilden, und solchen, bei denen dieser Effekt nicht intentioniert ist und erst später auftritt. Bei der ersten Klasse kann a priori von Gütern mit einem hohen Netzeffekt ausgegangen werden, bei der zweiten Klasse ergibt sich die Höhe des Netzeffektes fallweise unterschiedlich.

3.2 Netzeffektgüter und Komplementärgüter

Der Netzeffekt bei Kommunikationsgütern, wie bei dem Telefax, ist direkt, da die Nachfrage nach solchen Gütern primär von der Anzahl der bereits abgesetzten Güter abhängt.

Wenn aber die Qualität und/oder der Preis von komplementären Gütern maßgeblich den Erfolg eines Netzeffektgutes mitentscheiden, spricht man von einem indirekten oder auch ‚marktvermittelten‘ Effekt (vgl. Wiese, 1991, S.43)

Ein Beispiel hierfür sind Automobile:

"Nachdem aber jetzt der Kunde auch japanischer Modelle davon überzeugt sein kann, daß er Service und Ersatzteile (komplementäre Güter des Automobils) in relativ preisgünstiger Form erhalten kann, können die japanischen Autos mit europäischen von ‚gleich zu gleich‘ konkurrieren, und der Absatzvorteil der europäischen Modelle fällt nicht mehr so stark ins Gewicht." (Wiese, 1991, S.43)

3.3 Die ‚kritische Masse‘ und das Start-up-Problem

Mit kritischer Masse wird eine Absatzmenge bzw. Menge an aktivierten Erstkäufern bezeichnet, welche dem Gut ‚treu‘ bleiben und bei welcher weitere Käufer hinzukommen können (vgl. Wiese, 1991, S.46)

Das ‚Start-up-Problem‘ bei Netzeffektgütern besteht jetzt darin, daß die ersten Käufer des Gutes einen geringeren Nutzen durch das Gut realisieren können als spätere Käufer. Wird aber die ‚kritische Masse‘ an Käufern nicht erreicht, wird sich das Gut nicht im Markt etablieren können, da der Netzeffekt zu gering für potentielle spätere Nutzer ist, und vollständig vom Markt verschwinden (vgl. Wiese, 1991, S.46).

Die wichtigsten Größen für den Starterfolg eines Netzeffektgutes sind Vertrauen in die ‚ Durchsetzungsfähigkeit ‘ des Produktes am Markt und ein Preis, der eine ‚ kritische Masse ‘ an potentiellen Käufern zum Kauf des Gutes bewegt.

Maßgeblich für den Erfolg eines zu etablierenden Standards ist das Vertrauen in die "Standardisierungskraft" des Anbieters, welche Kleinaltenkamp folgendermaßen beschreibt:

"Hierzu zählen vor allem die Ressourcenbasis, um einen Standardisierungsprozeß und die damit verbundenen Markterschließungsaufgaben bewältigen zu können, sowie die Reputation aus evtl. vorangegangenen Standardisierungsprozessen, die für die Nachfrager, aber auch für die Wettbewerber als Indiz dafür steht, ob und inwieweit es dem Unternehmen gelingen kann, auch weitere Standardisierungsprozesse zu prägen" (Kleinaltenkamp, 1991, S.2364)

Strategien zur Vertrauensbildung werden in Abschnitt 4 behandelt. Im folgenden werden Preis-Absatz-Beziehungen untersucht.

3.4 Eine Nachfragekurve für Netzeffektgüter

Das übliche Instrument, um die Beziehung von Preisen und Mengen in einem Markt darzustellen, ist die Preis-Absatz Funktion.

Die Nachfrage nach Netzeffektgütern hängt jedoch nicht primär von den Produkteigenschaften, sondern von der Menge an Nutzern bereits abgesetzter Einheiten des Gutes ab. Dies bedeutet, daß die nachgefragte Menge eine Funktion der Gesamtnachfrage ist.

"Um die Nachfragekurve zu konstruieren, müßte die Nachfrage also schon bekannt sein, ein Zirkel, der nicht ohne weiteres zu überwinden ist." (Wiese, 1991, S.44)

Die horizontale Aggregation von individuellen Nachfragen (der Preis wird variiert, aus diesen Variationen ergeben sich unterschiedliche Nachfragen, aus diesen Nachfragen ergibt sich die Nachfragekurve) ist aus diesem Grund nicht möglich. Man spricht auch von Nicht-Additivität der Nachfragen (vgl. Wiese, 1991, S.44).

3.5 Die Nachfragekurve von Rohlfs

Das Aggregationsproblem (Nicht-Additivitätsproblem) von Nachfragekurven bei Netzeffektgütern wurde von Rohlfs (1974) auf folgende Weise gelöst. Er beschränkte die Menge, die von einem Individuum nachgefragt werden kann, auf eins. Die Auswahl ist somit auf binäre Wahlsituationen beschränkt, wie zum Beispiel die Frage, ob ein Telefonanschluß gewünscht wird oder nicht. Eine Nachfrage durch ein Individuum nach mehreren Anschlüssen wird ausgeschlossen.

3.5.1 Herleitung

Die Menge der potentiellen Nachfrager sei n.

Für jedes Individuum aus dieser Menge gibt es einen binären Wert

qi, (i=1,...,n),

der eins beträgt, wenn das Individuum das Gut konsumiert, und null, wenn das Individuum das Gut nicht konsumiert.

Die Anzahl der Teilnehmer und damit –aufgrund der binären Variablen- die Nachfragemenge, ist als q definiert.

Die Nachfrage nach dem Gut sei

qiD, (i=1,...n),

eine ebenfalls binäre Variable, die den Wert eins annimmt, wenn Individuum i die Teilnahme wünscht.

Die Gleichgewichtsbedingung ergibt sich nun folgendermaßen:

qi = qiD(p, ...,qi-1,qi+1,...,qn), (i= 1,...,n)

Es ergibt sich, bei gegebenem Preis p, ein System von n Gleichungen mit n Variablen, welches im allgemeinen keine eindeutig bestimmte Lösung besitzt, weshalb Rohlfs den Kunstgriff der Einführung eines Numéraires (alle Preise werden in Einheiten dieses Gutes dargestellt) -unter der Annahme konstanter marginaler Geldnutzen- benutzt.

Aus dieser Gleichgewichtsbedingung leitet Rohlfs nun die individuelle Nachfrage her und aggregiert diese zur Nachfragefunktion.

Um aber die individuellen Nachfragekurven aggregieren zu können, wird zusätzlich die Annahme der uniformen Netzeffekte eingeführt. Dies bedeutet, daß die Netzeffekte nur von der Anzahl der Individuen, nicht aber von ihrer Individualität abhängen.

Es ergibt sich die folgende Nachfragefunktion:

(1) 

(2) 

wij ist die Zahlungsbereitschaft des Nutzers I für den Konsum des Gutes durch die anderen Nutzer.

(3) 

f bezeichnet den Anteil der Nutzer an der Population

(4) Die Nachfragefunktion:

Die Funktion (4) besagt nun, daß im Gleichgewicht eine Menge q von Nutzern bereit ist, mindestens den Preis p für die Teilnahme zu bezahlen. Der Preis, den die Individuen zu bezahlen bereit sind, ergibt sich aus der Bereitschaft eines Individuums, für die Teilnahme der anderen Nutzer zu bezahlen (wi), und der Menge dieser Nutzer (f).

Der Preis wird also durch den (nicht im Netzeffektgut inhärenten) Netzeffekt des Gutes bzw. die Einschätzung dieses Effektes durch die Teilnehmer gebildet (vgl. Wiese, 1991, S.44-45).

3.5.2 Interpretation

Eine Nachfragekurve für Netzeffektgüter, laut Rohlfs, läßt sich folgendermaßen graphisch darstellen:

Abbildung 1: Eine exemplarische Nachfragekurve für Netzeffektgüter, aus: Wiese, 1991, S.46

Die Kurve zeigt die Nachfrage nach einem Netzeffektgut in Abhängigkeit des Preises p in Einheiten von Nutzern und damit auch nachgefragten Mengeneinheiten. Sie beginnt bei Null und endet bei hundert Prozent der Nutzer, bzw. Mengeneinheiten.

Punkt (A) :

Betrachtet wird zunächst Punkt (A). Der Gleichgewichtspreis ist höher als der tatsächlich geforderte, die bisherigen Teilnehmer (Nutzer) sind zufrieden und es werden weitere Teilnehmer das Gut nachfragen. Es findet ein Wachstumsprozeß in Richtung von (B) statt, mit der korrespondierenden Menge (b).

Punkt (C) :

In Punkt (C) liegt der tatsächliche Preis über dem Gleichgewichtspreis, so daß Teilnehmer auf das Gut verzichten werden. Es kommt zu einem Schrumpfungsprozeß in Richtung des Punktes (B).

Punkt (D) :

Auch in Punkt (D) liegt der tatsächliche über dem Gleichgewichtspreis, aber hier kommt es zu einem Schrumpfungsprozeß, welcher das Gut vom Markt verschwinden läßt.

Punkte (B) und (E):

Die Punkte (B) und (E) stellen Gleichgewichtspunkte in der Form dar, daß kein momentaner Nachfrager seine Teilnahme beendet, aber auch kein neuer Nachfrager hinzukommt. Der Gleichgewichtspunkt (B) ist stabil, da sowohl die Bewegung von Punkt (A), als auch die Bewegung von Punkt (C), wieder zu einem Gleichgewichtspunkt führen. Der Gleichgewichtspunkt (E) ist jedoch instabil, da hier eine Bewegung in Richtung des Marktaustrittes des Gutes droht, siehe Punkt (D).

Wenn man jetzt die Kurve in eine linke und rechte Hälfte teilt, kann man sich die bis zum Wendepunkt der Kurve korrespondierenden Mengen als die oben beschriebene ‚kritische Masse‘ vorstellen. Im linken Bereich entscheidet sich, ob genügend Nachfrager für das Gut gewonnen werden können, also ein stabiler Gleichgewichtspunkt wie Punkt (B) erreicht werden kann, oder ob es vollständig vom Markt verschwindet (vgl. Wiese, 1991, S.45-46).

3.6 Zusammenfassung

Wenn man das Nicht-Additivitäts-Problem von Nachfragekurven löst, wie Rohlfs es vorschlägt, gelangt man zu Nachfragekurven mit dem oben geschilderten Verlauf. Der linke Bereich ist kritisch, da das (unfreiwillige) Verlassen des Marktes droht, der rechte Teil ist stabil.

Strategien, um das Start-up-Problem zu lösen, also den kritischen Bereich zu verlassen, werden in Abschnitt vier dieser Arbeit vorgestellt.

Grundsätzlich ist anzumerken, daß sich, wenn ein Standard bereits etabliert ist, das Risiko auf der Nachfrager- und der Anbieterseite verringert (vgl. Kleinaltenkamp, 1995, S.2360-2361). Ein etablierter Standard wirkt sich somit positiv auf den Start-up Prozeß aus, da die kritische Masse leichter erreicht werden kann.

4 Diffusion von Innovationen

Im folgenden Teil der Arbeit wird die Diffusion von Innovationen untersucht. Als eine Innovation bezeichnet Rogers :

" (...) an idea, practice, or object that is perceived as new by an individual or other unit of adoption"(Rogers, 1983, S.)

Laut Rogers werden also nicht nur tatsächlich neue Produkte sondern all solche Produkte als Innovationen betrachtet, welche von potentiellen Übernehmern (Adoptoren), als neu empfunden werden.

In einem Markt, in welchem noch kein Standard vorherrscht, wäre dies das Gut, welches den Standard definieren soll. Es ist aber auch möglich, in Märkte, auf denen bereits ein Standards etabliert ist, Innovationen in Form von Gütern mit als neu wahrgenommenen Produktmerkmalen einzuführen.

Die betrachteten Innovationen sollen Güter im weitesten Sinne sein, also Sach- oder Dienstleistungen, welche einem potentiellen Abnehmer gegen Entgelt zur Nutzung überlassen werden (vgl. Fantapié, 1990, S.2). Die Diffusion selbst definiert Fantapié als:

" (...) die Ausbreitung einer Neuerung in einem sozialen System, von ihrer Quelle bis zum letzten Übernehmer"(Fantapié, 1990, S.2).

Untersucht wird nun das Muster der Diffusion und die Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung. Dieser zeitliche Ablauf der Ausbreitung wird auch als Diffusionsprozeß bezeichnet. Die primären Einflußfaktoren auf diesen Prozeß sind (vgl. Rogers, 1983, S. 10ff.):

 

Abbildung 2, Der Diffusionsprozeß von Innovationen (vgl. Rogers, 1983, S.243 ff.)

Abbildung 2 zeigt, wie sich eine Diffusion –laut der klassischen Diffusionsmodellierung- im Markt ausbreitet. Auf der Abszisse ist die Zeit abgetragen, auf der Ordinate die prozentual zusätzliche Menge an Adoptionen (Erstkäufen des Produktes) und welchen Gruppen von Nachfragern diese Käufe zuzuordnen sind. Zunächst werden Erstkäufe durch Innovatoren, dann durch frühe Annehmer, die frühe Mehrheit, die späte Mehrheit und schließlich durch die Nachzügler getätigt.

4.1 Diffusionsmodelle

Um die Ausbreitung einer Innovation im Zeitablauf analytisch zu erfassen, bedarf es der Diffusionsmodelle, welche sich im Kern auf drei Modelle zurückführen lassen (vgl. Weiber, 1993, S.35ff). Basis dieser Modelle ist die Überlegung, daß die Anzahl von Adoptionen in einer Periode sich aus einem bestimmten Anteil (gt) des bislang nicht ausgeschöpften Marktpotentials zusammensetzt (siehe Abbildung 2).

Ist M die Marktsättigungsgrenze und N*t-1 die kumulierte Zahl an Erstkäufen bis zum Zeitpunkt t, dann ergibt sich die Zahl an Erstkäufen als:

(1) 

aufgelöst nach gt ergibt sich:

(2) 

Der Anteil gt an den verbleibenden möglichen Erstkäufen, bestimmt die Diffusionsgeschwindigkeit und wird auch als Diffusionskoeffizient bezeichnet.

Ein wichtiger Aspekt von Diffusionsmodellen ist die Prognose zukünftiger Adoptionen. In diesem Zusammenhang wird gt auch als Adoptionswahrscheinlichkeit für eine zukünftige Periode bezeichnet.

Die Modellierung der Funktion von gt erhält unter diesem Aspekt eine besondere Bedeutung:

(3) 

Die Variable a kann als Faktor des systemexternen Einflusses, der Term bN*t-1 als Faktor des Einflusses der persönlichen Kommunikation zwischen Käufern und potentiellen Adoptoren –des systeminternen Einflusses also- angesehen werden.

4.1.1 Exponentielle Diffusionsmodelle

Setzt man bN*t-1=0, schließt man die persönliche Kommunikation aus und erhält:

und damit

(4) 

Die Diffusionsgeschwindigkeit hängt in diesem Fall primär von der Massenkommunikation bzw. der unpersönlichen Kommunikation ab und ist damit exogen und nicht aus dem sozialen System heraus bestimmt. Die Diffusion wird hier maßgeblich durch die Innovatoren getragen.

Der Koeffizient a wird auch als Innovationskoeffizient bezeichnet.

4.1.2 Logistische Diffusionsmodelle

In den logistischen Diffusionsmodellen wird die Massenkommunikation, der Koeffizient a, ausgeklammert und es ergibt sich für gt:

und somit:

(5) 

Bei den logistischen Diffusionmodellen werden Informationen über die Innovation überwiegend durch persönliche Kommunikation übertragen. Die Kommunikation erfolgt fast ausschließlich innerhalb des sozialen Systems. Laut dem Bezugsgruppenkonzept bewegen die Meinungsführer in den Bezugsgruppen die Imitatoren dazu, ebenfalls die Innovation zu erwerben (die Innovatoren bzw. deren Verhalten, zu imitieren), weswegen der Koeffizient b auch als Imitationskoeffizient bezeichnet wird.

4.1.3 Semilogistische Diffusionsmodelle

Die semilogistischen Diffusionsmodelle schließlich erlauben einen Einfluß sowohl der Massenkommunikation -also von außerhalb des sozialen Systems- als auch der Kommunikationskanäle innerhalb des sozialen Systems. Semilogistische Diffusionsmodelle werden folgerecht auch als allgemeine Diffusionsmodelle bezeichnet.

Formal:

(6) 

4.2 Zusammenfassung

War bis zum Ende der siebziger Jahre noch das exponentielle Diffusionsmodell der dominierende Modellansatz in der Diffusionsforschung, wurde es inzwischen durch das semilogistische und logistische Modell weitgehend abgelöst, da diese in der Lage sind, die beobachteten Diffusionsprozesse besser zu erklären und damit auch bessere Prognosen bieten zu können (vgl. Weiber, 1993, S.36). Beispielhaft für die Verbesserung der Güte der Anpassung des Modells ist die Berücksichtigung eines dynamischen Marktvolumens (vgl. Fantapié, 1990, S.78ff.), oder die Wirkung von absatzpolitischen und preispolitischen Maßnahmen auf den Diffusionsprozeß (vgl. Fantapié, 1990, S.149ff.)

 

Abbildung 3: Zwei hypothetische Diffusionskurven

Der typische Verlauf einer Diffusionskurve ist, bedingt durch Unterschiede in den Verhaltensweisen der Konsumenten und den Übernahmewahrscheinlichkeiten, glockenförmig.

In Abbildung 3 sind zwei exemplarische Diffusionskurven dargestellt.

Kurve A bildet eine relativ schnelle, Kurve B hingegen eine relativ langwierige Diffusion unterschiedlicher Innovationen in verschiedenen Märkten ab. Unterschiede ergeben sich hauptsächlich in der Geschwindigkeit der Diffusion -technische Innovationen benötigen oftmals eine lange Zeit bis zur Marktdurchdringung- und damit der Steigung der Kurve.

Die Prognose der Telefax-Neuanschlüsse besagt beispielsweise, daß sich bei dieser 1979 eingeführten Innovation im Jahr 2000 noch immer keine Marktsättigung einstellt und die Marktdurchdringung erst ca. 1992 gelungen ist (vgl. Fantapié, 1990, S.126).

Standards erhöhen jedoch die Geschwindigkeit von Diffusionen, da die in den frühen Phasen das Nachfragerverhalten dominierenden präferenzorientierten Aktivitäten schnell durch Preis-Mengen-Orientierung abgelöst werden können. Dies ist dadurch bedingt, daß die frühen Übernehmer und die frühe Mehrheit schneller Vertrauen zu dem Produkt gewinnen, wenn sie sich darauf verlassen können, daß es einem etablierten Standard entspricht bzw. die Grundlage für einen solchen bilden wird. Die Geschwindigkeit der Diffusion wird weiterhin durch Effekte auf der Anbieterseite erhöht, da der Standard einerseits für weitere Wettbewerber auf dem Markt, andererseits für eine stärkere Anpassung der Produkte sich bereits im Markt befindlicher Wettbewerber sorgt (vgl. Kleinaltenkamp, S.2361-2364).

5 Marketingstrategien und Standards

Im Normalfall verbessert, wie oben gezeigt, das Vorhandensein bzw. die Einführung von Standards die Diffusionsgeschwindigkeit und hilft bei der Überwindung des Start-up-Problems von Netzeffektgütern.

Wie aber kann eine Innovation bzw. in einem Markt, in welchem noch kein Standard existiert, der Standard selbst, eingeführt werden?

Im folgenden werden einige Strategien aufgezeigt, welche bei der Einführung von Innovationen im allgemeinen und solchen mit einem hohen Netzeffekt im speziellen angewandt werden können.

5.1 Die positive Beeinflussung der Erwartungsbildung

Neben dem Preis spielen die Erwartungen der Nachfrager über den Erfolg einer Innovation eine wesentliche Rolle, da dieser Erfolg letztendlich den Nutzen determiniert, welchen sie aus der Nutzung des Gutes zu erhalten vermögen. Bei einer Innovation mit einem starken Netzeffekt werden die Erwartungen aber über den Erfolg oder das Verschwinden des Gutes vom Markt entscheiden (vgl. Wiese, 1991, S.46). Hier kommt den Instrumenten des Marketingmix die Aufgabe zu, Vertrauen in die Unternehmung, das Produkt und den Erfolg derselben aufzubauen, zu erhalten und -wenn möglich- zu steigern, um die Erwartungsbildung der potentiellen Nutzer möglichst positiv zu beeinflussen.

5.1.1 Potentielle Konsumenten

Der psychische und physische Prozeß, den ein potentieller Übernehmer bis zur tatsächlichen Übernahme der Innovation durchläuft wird im allgemeinen in fünf Stufen eingeteilt:

  1. Wahrnehmung:Der potentielle Übernehmer erfährt von der Innovation, ohne daß er sich aktiv um Informationen bemüht hat.
  2. Interesse: Wenn ihn die Innovation interessiert, fängt er jetzt an gezielt Informationen zu suchen.
  3. Beurteilung: Ist die Informationssammlung beendet, "testet" der potentielle Übernehmer die Innovation gedanklich auf möglichen Nutzen und Kompatibilität zu sozialen Normen.
  4. Versuch: In dieser Phase testet er das Produkt physisch für einen begrenzten Zeitraum.
  5. Annahme: Erst in der letzten Phase entschließt sich der potentielle Übernehmer zur Annahme der Innovation.

(vgl. Rogers, 1983, S.20 ff.)

Jede dieser Phasen kann durch geeignete marketingpolitische Maßnahmen unterstützt werden, wobei diese Maßnahmen sich in zwei Hauptrichtungen einteilen lassen.

Einerseits besteht die Möglichkeit, die Instrumente der Kommunikationspolitik zu benutzen, um über z.B. Massenkommunikation die Phasen eins und zwei extern zu unterstützen.

Andererseits besteht die Möglichkeit, über die Meinungsführer der relevanten Bezugsgruppe der potentiellen Nutzer die Phasen eins bis drei zu unterstützen. In diesem Fall könnten durch Marktforschung die Meinungsführer identifiziert und dann mit speziell auf diese zugeschnittenen Marketingmaßnahmen bedient werden. Die Meinungsführer kommunizieren nun ihrer Bezugsgruppe ihre Erfahrungen mit, bzw. die grundsätzliche Existenz der Innovation, was diese zur Übernahme der Innovation bewegen sollte (vgl. Fantapié, 1990, S.28ff).

Auch die Phasen vier und fünf können durch geeignete Instrumente aus dem Marketingmix unterstützt werden, so zum Beispiel im Softwarebereich durch:

Zufriedenheit der Kunden durch eine umfassende, kompetente und effiziente After-Sale Betreuung ist ein nicht zu unterschätzender Faktor der Kaufentscheidung von potentiellen Konsumenten, denn die Güte dieser Betreuung wird ebenfalls von den aktuellen Nutzern an potentielle Nutzer kommuniziert (vgl. Hesse, 1987, S.106ff.).

5.1.2 Potentielle, gewerbliche Konsumenten

Die Nutzung von Innovationen kann als Teil der Beschaffungspolitik eines Unternehmens verstanden werden. Diese Beschaffungsentscheidungen werden in der Regel von mehreren Personen getroffen, für welche –einzeln- die oben genannten Phasen der Übernahme von Innovationen gelten. Die Einführung von Neuerungen in Unternehmen ist jedoch mit einem größeren Risiko für die Entscheidungsträger verbunden.

So führt Fantapié aus:

"Fehlentscheidungen bei der Beschaffung können für die am Entscheidungsprozeß Beteiligten existentielle Folgen bis hin zur Entlassung haben, während erfolgreiche Beschaffungsentscheidungen u.U. monetär oder auch nichtmonetär belohnt werden"(Fantapié, 1990, S.31)

Als Beispiel kann wiederum das Telefax herangezogen werden. Einkäufer, welche diese Geräte vor dem Markteintritt des Standards der Deutschen Bundespost geordert hatten, sahen sich einer Fehlentscheidung gegenüber, welche sie ihren Vorgesetzten gegenüber zu vertreten hatten.

Die Marketingempfehlungen in Bezug auf Privatpersonen gelten auch in Bezug auf Unternehmen, wobei die Maßnahmen zur Risikoreduktion im Vorfeld des Kaufes, den Kauf begleitend und nach dem Kauf besondere Bedeutung erfahren. Als wichtige Punkte sind hier die direkte Kommunikation –beispielsweise auf Fachmessen oder durch Vertreter- und die indirekte Kommunikation von Vertrauen in das Produkt, eine kontinuierliche Qualitätskontrolle und eine effiziente, schnelle Lösung bei etwaigen Problemen zu nennen.

5.2 Die Versicherungslösung

Wie bereits ausgeführt wurde, werden viele potentielle Nachfrager eines Netzeffektgutes durch das Risiko des Scheiterns des Gutes vom Kauf abgehalten. Dybvig und Spatt (1983) schlagen zur Aktivierung dieser Käufer eine Strategie vor, die auf einer Versicherung für die Käufer fußt. Diese Versicherung entschädigt die Nachfrager im Falle des Scheiterns des Produktes für den entgangenen Netzeffekt. Ihrer Argumentation zufolge sorgte diese Risikoabsicherung dafür, daß die kritische Masse erreicht wird, die Versicherung werde also nicht in Anspruch genommen und die Lösung böte somit eine kostenlose Sicherung des Erreichens der kritischen Masse.

Allerdings ist die Voraussetzung für das Funktionieren der Lösung, auch unter Nichtbeachtung von Kosten für Einrichtung und Unterhalt der Versicherung, das Bekanntsein der realen Nachfragekurve. Bei Abweichungen zwischen projiziertem und tatsächlichem Verlauf wäre die Lösung nicht mehr kostenlos (vgl. Wiese, 1991, S.47).

5.3 Differenzierungsstrategien

Auch Differenzierungsstrategien bieten sich zur Lösung des Start-up-Problems bzw. zur Etablierung von Innovationen am Markt an. Es lassen sich dabei zwei Hauptstrategien unterscheiden (vgl. Wiese, 1991, S.47-50).

5.3.1 Die personenbezogene Differenzierungsstrategie

Die personenbezogene Differenzierungsstrategie besteht darin, verschiedenen Personengruppen verschiedene Preise zuzuordnen. So bekommen zum Beispiel oftmals Studenten verbilligte Softwareversionen, während Unternehmen den vollen Preis bezahlen müssen.

Ziel dieser Strategie ist es primär, die kritische Masse an Nutzern zu erreichen. Ein weiterer Aspekt dieser Strategie besteht aber darin, daß die Nutzer der verbilligten Version das Produkt möglicherweise später in ihren Unternehmen nutzen (nunmehr zum vollen Preis), um Lernkosten zu vermeiden.

5.3.2 Die zeitliche Differenzierungsstrategie

Die zeitliche Differenzierungsstrategie setzt an einer anderen Stelle an. Hier wird zunächst ein niedriger Preis gesetzt, bis die kritische Masse erreicht ist, und erst dann der Preis erhöht. Diese Strategie wird häufig mit (geringfügigen) Änderungen des Produktes (Updates) verbunden, um den Unmut der bisherigen Nutzer und somit den Ausstieg aus der Nutzung möglichst klein zu halten.

5.4 Komplementärgüter

Eine Strategie für Netzeffektgüter bzw. Innovationen, welche indirekten Netzeffekten unterliegen -bei denen also Komplementärgüter eine große Auswirkung auf die Marktdurchdringung haben-, ist die Forcierung der Produktion und/oder eine Qualitätssteigerung der Komplementärgüter (vgl. Wiese, 1991, S.49,50).

Als Beispiel kann die Etablierung von Spielekonsolen herangezogen werden, bei welchen das Spieleangebot –den komplementären Gütern-, neben dem Preis und der Qualität der Konsole selbst, eine bedeutende Rolle bei der Kaufentscheidung spielt.

6 Fazit

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß Standards in Märkten einen positiven Einfluß auf die Geschwindigkeit der Diffusion und die Erreichung der kritischen Masse bei Netzeffektgütern ausüben.

Dennoch kann durch den Verlust von Individualität bei den Anbietern die Möglichkeit zur Kundenbindung nachhaltig geschädigt werden, da standardisierte Güter leichter zu substituieren sind. Die Anbieter haben jedoch einige Möglichkeiten diesem Effekt entgegenzuwirken, wie z.B. ihre unique-selling-proposition herauszuarbeiten, über kreative Profilierung weitere, von den Nachfragern wahrgenommene Erfahrungsebenen aufzubauen, oder die Kostenführerschaftsstrategie anzuwenden (vgl. Porter, 1988) Eine ausführliche Behandlung dieses Themas würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen, so daß nur der Verweis auf die Literatur, vor allem Porter (1988) und andere weiterführende Arbeiten bleibt.


Literaturverzeichnis:

Dybvig,Ph.;Spatt,Ch. (1983): Adoption externalities as public goods,
in: Journal of Public Economics, 20 (1983), S. 231-247

Fantapié Altobelli, Claudia (1991): Die Diffusion neuer Kommunikations-
techniken in der Bundesrepublik Deutschland, Heidelberg 1991

Hesse, Hans-Werner (1987): Kommunikation und Diffusion von Produkt-
innovationen im Konsumgüterbereich, Berlin 1987

Porter, M.E. (1988): Wettbewerbsstrategie, 5. A., Frankfurt/M 1988

Rogers, E.M. (1983): Diffusion of innovations, 3rd ed., New York 1983

Rohlfs, J. (1974): A theory of interdependent demand for a communications-
service, in: Bell Journal of Economics, 5 (1974), S. 16-37

Kleinaltenkamp, M. (1995): Standardisierung und Individualisierung, in:
Enzyklopädie der BWL, Bd. 4: Handwörterbuch Marketing, Stuttgart 1995, S. 2354-2364

Weiber, Rolf (1993): Chaos: Das Ende der klassischen Diffusions-
modellierung?, in: Marketing ZFP, 1 (1993), S. 35-46

Wiese, Harald (1991): Marktschaffung.Das Startproblem von
Netzeffektgütern, in: Marketing ZFP, 1 (1991), S. 43-51