Der volkswirtschaftliche Blick auf China
Wohin entwickelt sich die chinesische Wirtschaft? Und welche Implikationen hat dies für Deutschland und die Welt? Diese Fragen umreißen das Forschungsfeld von Philipp Böing, Professor für Empirische Innovationsforschung mit Schwerpunkt China an der Goethe-Universität und am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.
Der Volkswirt ist seit kurzem auch Sprecher des Leibniz-Forschungsnetzwerks China und zählt zu den wenigen deutschen Wissenschaftlern, die sich auf Grundlage großer Datenmengen empirisch mit der chinesischen Wirtschaft und Innovation auseinandersetzen.
Schwarzes T-Shirt, Jeans, stark gekürztes Haupthaar: Ein wenig meint man Philipp Böing anzusehen, in welcher Weltregion er sich seit mehr als 20 Jahren regelmäßig aufhält. Sein Interesse am Fernen Osten geht durchaus über wirtschaftliche Fragen hinaus, wie im Gespräch deutlich wird. Alles begann jedoch mit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001. Das Abi gerade in der Tasche, war Böing der Ansicht, dass Chinas weitere wirtschaftliche Entwicklung spannend werden würde. Da passte es gut, dass die Ruhr-Universität Bochum einen neuen Studiengang anbot: Wirtschaftswissenschaften in Kombination mit Ostasienwissenschaften und chinesischer Sprache. Nach einem ersten Studienaufenthalt in Shanghai im Jahr 2004 ist Böing nahezu jedes Jahr in China und der Region unterwegs. Im Anschluss an den Bachelor absolvierte er einen Master an der Frankfurt School of Finance & Management, wo er seinen Schwerpunkt auf die chinesische Wirtschaft weiter vertiefte.
In China tat sich ihm eine völlig neue Welt auf. Die Dynamik von Wirtschaft und Gesellschaft sowie der chinesische Alltag faszinierten ihn. Während der Promotion wandte sich Philipp Böing auch der chinesischen Kampfkunst zu, insbesondere Kung-Fu, Tai-Chi und Qi-Gong. Dies war für ihn ein Ausgleich zur Wissenschaft und zugleich holistischer als viele andere Sportarten: „Neben körperlicher Gesundheit geht es vor allem um mentale Entwicklung“, sagt er. Auch die chinesische Teekultur begeistert Böing und eröffnet ihm vielfältige Möglichkeiten, mit Menschen vor Ort in Kontakt zu kommen.
Zwei Arbeitsplätze
Nach Promotion und Postdoc in Frankfurt und am ZEW in Mannheim war klar, dass er den Weg der Wissenschaft fortsetzen würde. Böing ging als Assistant Professor an die Peking University, wo er bis 2019 am renommierten China Center for Economic Research forschte und lehrte. Außerdem wurde er zum Fellow der Tsinghua University ernannt. Als das zweite Kind unterwegs war, entschied sich die junge Familie für die Rückkehr – nicht zuletzt aufgrund der teils nicht unerheblichen Luftverschmutzung. Wenig später wäre die Ausreise schwierig geworden. Die Corona-Regelungen waren in China besonders streng. Zurück in Europa erhielt Böing einen Ruf an die Universität Maastricht, entschied sich jedoch für eine Position am ZEW Mannheim. Zwischenzeitlich forschte er zudem als Taiwan Fellow am Institute of Economics der Academia Sinica in Taipei. Seit 2024 ist er Associate Professor an der Goethe-Uni. Nach dem sogenannten „Jülicher Modell“ hat er zwei Arbeitsplätze. Während er vorwiegend in Mannheim forscht, liegt sein Schwerpunkt in Frankfurt auf der Lehre, insbesondere zu empirischen Methoden und Innovation in China.
Regelmäßige Aufenthalte in China sind inzwischen wieder problemlos möglich und für seine Forschung zentral. Im Fokus steht die Innovations- und globale Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Unternehmen. Dazu analysiert Böing die zugrunde liegenden Prozesse auf Basis umfangreicher chinesischer Daten. Gefördert durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt untersuchte er beispielsweise gemeinsam mit Kollegen der University of Toronto die Anatomie des chinesischen Innovationssystems sowie die Technologie-Souveränität Chinas im Vergleich zu Europa und den USA.
»Ich arbeite wie ein chinesischer Volkswirt«
Entscheidend sei dabei nicht nur der Zugang zu den Daten, sondern vor allem das institutionelle Wissen darüber, wie diese entstehen. Dass Böing Chinesisch spricht, ist hierfür elementar. „Ich arbeite wie ein chinesischer Volkswirt. Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied: Ich bin kein Chinese.“ Hat er vielleicht auch mehr Freiheiten als die in China fest ansässigen Wissenschaftler? „Ich selbst habe noch keine Zensur erfahren“, sagt Böing. Auch bei kritischen Themen habe er keinerlei Einschränkungen erlebt. Im Gegenteil, seine Forschung zur Zweckentfremdung staatlicher Fördergelder ist in China auf reges Interesse gestoßen.
Wenn Böing die Qualität und Quantität von Chinas millionenfachen Patentanmeldungen untersucht, greift er auch auf Methoden der künstlichen Intelligenz zurück, insbesondere auf sogenannte Large Language Models (LLM), um die Patente nach ihrer technologischen Bedeutung zu klassifizieren. „Zwischen 1985 und 2020 entfielen die meisten Patente auf private chinesische Unter- nehmen, während ausländische Anmelder eine abnehmende Rolle spielten. Auch bei den Wissensquellen hat China die Abhängig- keit vom Ausland stark reduziert“, erläutert Böing, der bestehende Narrative gerne mit evidenzbasierten Analysen überprüft.
Das Verhältnis des Westens zu China ist seit jeher ambivalent – zuletzt wurde man in Deutschland jedoch von der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit Chinas überrascht. Während sich das politische System weiter festigte, entwickelte sich zeitgleich Chinas technologische Innovationskraft. Zwar ist vorheriges Desinteresse mittlerweile von der politischen Forderung nach unabhängiger Chinakompetenz abgelöst worden, allerdings fehlt es in Deutschland weiterhin an wirtschaftswissenschaftlicher Chinaexpertise. „In der deutschen Ökonomie ist Forschung zu China, gemessen an der wirtschaftlichen und geopolitischen Bedeutung für den Standort Deutschland, noch unterrepräsentiert“, sagt Böing. Auf wichtigen Konferenzen in China ist er zumeist einer der wenigen Forscher mit europäischer Affiliation.
Regelmäßiger Austausch mit chinesischen Kollegen
Um das China-Interesse der deutschen Öffentlichkeit zu stärken, engagiert sich Philipp Böing im Vorstand des China-Instituts der Goethe-Uni. Auch in der Lehre setzt er gezielt neue Akzente: Im Masterstudiengang „International Economics and Economic Policy“ (MIEEP) bietet er ein Seminar zu Innovation in China an, das auch Studierenden des Masterstudiengangs „Modern East Asian Studies“ (MEAS) offensteht. „Die interdisziplinäre Kombination dieser beiden Fachbereiche ist interessant und fruchtbar“, sagt Böing. Das Zusammenspiel von institutionellem Wissen, methodischer Kompetenz und einer hohen Präsenz internationaler Studierender sei für alle Beteiligten bereichernd.
Böing ist außerdem Mitglied im China Expert Network der Europäischen Zentralbank sowie Sprecher des Leibniz-Forschungsnetzwerks China. Das neu gegründete Netzwerk soll die wissenschaftliche Zusammenarbeit der Leibniz-Institute fördern und evidenzbasierte Beratungsangebote für die Politik entwickeln. Der Bedarf sei groß: „Gerade für die Ausgestaltung einer realistischen China-Politik braucht es belastbare Analysen zu Wettbewerbsfähigkeit, Handel, Investitionen und Technologie.“ Der regelmäßige wissenschaftliche Austausch mit Kollegen in China ist für Böing essenziell. „Nur wer sich regelmäßig vor Ort ein eigenes Bild macht, kann die Entwicklungen wirklich nachvollziehen“, sagt er. Entsprechend freut er sich bereits auf seinen nächsten Forschungsaufenthalt – an der Fakultät für Statistik der Renmin University in Peking.
Quelle: Goethe-Universität