Nicht nur auf das BIP schauen
Alfons Weichenrieder, Professor für Finanzwissenschaft an der Goethe-Universität, zeigt in einem aktuellen Beitrag: Wer wissen möchte, wie stark die Einkommen einer Volkswirtschaft wachsen und welche Ressourcen tatsächlich verteilt werden können, erhält mit dem Nettoinlandsprodukt (NIP) das realistischere Bild.
UniReport: Das Bruttoinlandsprodukt gilt als bewährte und zentrale Messgröße wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Sie haben in einem aktuellen Paper die These aufgestellt, dass diese Kennzahl ein zu positives Bild zeichnet. Wie ist das zu erklären, was hat sich verändert? Und ist diese Erkenntnis neu?
Alfons Weichenrieder: Es geht weniger um eine neue These als um eine Beobachtung, die sich anhand offizieller Daten nachvollzie- hen lässt. Der Ausgangspunkt ist einfach: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) enthält auch Abschreibungen, also den Wertverlust des Kapitalstocks. Diese Mittel stehen jedoch nicht für Einkommen oder Konsum zur Verfügung, sondern werden benötigt, um Maschinen, Gebäude oder Infrastruktur zu ersetzen. Wer auf Nachhaltigkeit schaut, kann sich daher vom BIP täuschen lassen.
Entscheidend ist: Der Anteil der Abschreibungen ist in Deutschland deutlich gestiegen – von etwa 15,6 % des BIP im Jahr 1991 auf rund 20,6 % im Jahr 2025. Dadurch wächst das BIP systematisch schneller als das Einkommen, das tatsächlich verteilt werden kann. Das Wirtschaftswachstum erscheint daher, gemessen am BIP, höher, als es aus Sicht der verfügbaren Einkommen tatsächlich ist.
UniReport: Welchen Vorteil hat demgegenüber die Messgröße des Nettoinlandsprodukts (NIP)?
Alfons Weichenrieder: Das Nettoinlandsprodukt zieht die Abschreibungen vom BIP ab und liegt damit näher an dem Einkommen, das tatsächlich verteilt werden kann, ohne dass der Kapitalstock schrumpft. Wer wissen will, wie stark die Einkommen einer Volkswirtschaft wachsen und welche Ressourcen tatsächlich verteilt werden können, erhält mit dem NIP das realistischere Bild.
UniReport: Wie erklären Sie sich, dass das BIP aber immer noch für wirtschaftspolitische Debatten herangezogen wird, auch wenn die Verzerrungen doch mittlerweile deutlich sein müssten? Möchte man, gerade in der Politik, ein schön gefärbtes Bild des Wirtschaftsstandortes Deutschland zeichnen?
Alfons Weichenrieder: Nein, da geht es nicht um böse Absicht. Wenn es darum geht, die konjunkturelle Auslastung der Produktionskapazitäten zu beurteilen, ist das BIP durchaus ein geeigneter Indikator. Es ist seit Jahrzehnten die zentrale Kennzahl der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen und fest in Politik, Statistik und öffentlicher Debatte verankert, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Zudem reagiert das NIP stärker auf Veränderungen relativer Preise. Dadurch kann es sich verändern, ohne dass sich die konjunkturelle Lage tatsächlich verändert hat. Für die Konjunkturanalyse hat das BIP daher Vorteile.
UniReport: Wo sehen Sie Gefahren, gerade auch vor dem Hintergrund einer ohnehin schon angeschlagenen Wirtschaft in Deutschland ohne viel Wachstum?
Alfons Weichenrieder: Die Gefahr liegt vor allem in einer Überforderung der Wirtschaft. Der Blick auf das BIP verdeckt, dass gemessen am NIP – also an den tatsächlich erwirtschafteten Nettowerten – Schulden, Sozialleistungen und Staatsausgaben deutlich stärker gestiegen sind, als es die BIP-basierten Kennzahlen nahelegen.
Ein Beispiel: Die gesamten Staatsausgaben beliefen sich 2024 auf etwa 49,5 % des BIP. Das ist die bekannte Staatsquote, die anzeigen soll, wie stark der Staat in das Wirtschaftsleben eingreift. Seit 1991 ist sie um moderate 2,9 Prozentpunkte gestiegen. Berechnet man die Quote dagegen auf Basis des NIP, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Die Quote liegt dann bei 62,2 %, und der Anstieg seit 1991 beträgt satte 7,1 Prozentpunkte. Die letzten Jahre gingen also mit einer deutlichen Ausweitung der Staatsausgaben gemessen an den verfügbaren Einkommen einher. Das mag man politisch unterschiedlich bewerten – aber der gängige Indikator bildet diese Entwicklung einfach unzureichend ab.
UniReport: Steht die Zunahme von Abschreibungen generell für eine Wirtschaft, die in hohem Maße ihren Kapitalstock erhalten muss, aber zu wenig Neues erwirtschaftet?
Alfons Weichenrieder: Ja und nein. Zum einen steigen die Abschreibungen tatsächlich, weil der Kapitalstock aufgrund niedriger Neuinvestitionen im Durchschnitt älter geworden ist. Das bedeutet kürzere Restlebensdauern der Kapitalgüter und damit höhere Abschreibungsbeträge. Zum anderen spielen immaterielle Investitionen in Forschung, Software und Patente eine immer größere Rolle. Diese sind im Durchschnitt kurzlebiger als materielle Investitionsgüter und werden daher schneller abgeschrieben. Fest steht: Ein steigender Abschreibungsanteil bedeutet, dass ein größerer Teil der Wirtschaftsleistung allein für den Erhalt des bestehenden Kapitalstocks aufgewendet werden muss.
UniReport: Ist die problematischer werdende Heranziehung des BIP auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten, steht das Phänomen möglicherweise für eine umfassende (Wirtschafts-)Krise der westlichen Welt?
Alfons Weichenrieder: Mit Ausnahme vieler osteuropäischer Länder zeigt sich für die Bedeutung der Abschreibungen ein ähnlicher Trend in zahlreichen entwickelten Volkswirtschaften – etwa in der EU, aber auch in den USA, Kanada oder Japan. Das spricht dafür, Bruttogrößen wie das BIP auch international stärker durch Nettoindikatoren zu ergänzen, um ein realistischeres Bild der Wohlfahrtsentwicklung zu erhalten. Grundsätzlich ist ein schwaches oder schwächeres Wachstum nichts, was per se zu einer Krise führt. Da die Wirtschaftspolitik aber gerne Probleme durch Schulden kaschiert, wird es zum Problem, wenn man nicht in der Lage ist, aus den Schulden herauszuwachsen. Eine nachhaltige Wirtschaftspolitik bei hohen Schuldenständen sollte ganz besonders auf das Wachstumsziel achten. Wenn man sich mit den expliziten Schulden des Staates und den impliziten Schulden, wie sie in unseren Sozialversicherungen stecken, einen schweren Rucksack aufgeladen hat, dann ist es im Hinblick auf die jungen Generationen beson- ders wichtig, dass man sich nicht noch mit wachstumsfeindlichen Politiken das Leben schwer macht.
Quelle: Goethe-Universität
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