Laudatio

auf Rudolf Gümbel durch o. Univ.-Prof. Dipl.-Kfm. Dr. Hans-Peter Liebmann

Magnifizenz!
Spectabilis!
Sehr geehrter Ehrenpromovend!
Hohe Festversammlung!

Wenn ich über Rudolf Gümbel sprechen soll, so sind es zwei Dinge, die ich einer Laudatio voranstellen möchte: Neben seinen wissenschaftlichen Leistungen ist es seine besondere menschliche Qualität, die sein wissenschaftliches Wirken durchdringt. In den ca. zehn Jahren meiner Mitarbeit bei Rudolf Gümbel habe ich die Untrennbarkeit und die besondere Bedeutung dieser beiden Faktoren erleben können.

Rudolf Gümbel wurde am 28.Juni 1930 in Kirn a. d. Nahe geboren, studierte von 1950 bis 1953 Betriebswirtschaftslehre an der Johann-Gutenberg-Universität in Mainz und an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main und legte das Examen des Diplom-Kaufmanns in Frankfurt a. M. ab, wo er auch schon ein Jahr später mit einer Arbeit über das Thema "Der Einfluss der Sortimentsdifferenzierung auf die Wettbewerbsgestaltung im Einzelhandel" promovierte. Nach einer Tätigkeit als Revisionsassistent bei der Deutschen Revisions- und Treuhandgesellschaft wurde er Mitarbeiter von Professor Banse und erwarb 1962 die Venia legendi für das Fach Betriebswirtschaftslehre mit der Schrift "Die Sortimentspolitik in den Betrieben des Wareneinzelhandels", die heutzutage noch zu den einschlägigen Standardwerken zählt.

Der Vertretung des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Betriebliche Marktlehre an der Universität Göttingen folgt die Berufung an die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät des Saarlandes, die er 1964 annahm. In Saarbrücken blieb er drei Jahre. In dieser Zeit wirkten in Saarbrücken die Betriebswirte Wolfgang Kilger, Wolfgang Stützel, Günter Wöhe, Adolf Moxter, Herbert Hax und Bruno Tietz, aber auch die Nationalökonomen Herbert Giersch, Elisabeth Liefmann-Keil, Egon Sohmen und Rudolf Richter, die alle zusammen den hervorragenden Ruf der Saarbrückener Wirtschaftswissenschaften begründeten.

1967 ging dann Rudolf Gümbel an die Technische Universität Berlin, und zwei Jahre später folgte er den Ruf auf die Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Handelsbetriebslehre, der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt am Main. Trotz eines weiteren Rufes an die Universität Münster und Verhandlungen mit Mannheim, blieb er der Universität Frankfurt am Main treu, wo er bis heute in dem aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät hervorgegangenen Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Handelsbetriebslehre in Forschung und Lehre vertritt.

Zu Beginn des wissenschaftlichen Arbeitens steht bei Rudolf Gümbel die Auseinandersetzung mit mikroökonomischen Gedankengängen im Vordergrund, die Anwendung des spezifischen terminologischen Rüstzeugs der Mikrotheorie und marginalanalytischer Methoden. Dies formuliert er in einem Beitrag für die Festschrift für Günter Wöhe (1989); "Insgesamt aber sollten für das Entwickeln von Designs in der empirischen Forschung die strukturierenden Eigenschaften des mikroökonomischen Apparates nicht unterschätz werden." Diese Neigung zur Mikrotheorie ist zweifellos auf den Einfluss des bekannten Frankfurter Nationalökonomen Heinz Sauermann zurückzuführen.

Seine darauffolgenden "Ausflüge ins Begreifliche", wie er es selbst einmal bezeichnete, sind hauptsächlich durch Karl Banse, der vor seiner Frankfurter Zeit u. a. an der Handelshochschule Königsberg gelehrt hatte, angeregt worden. Wie es sich heute zeigt, handelt es sich dabei keineswegs um "kleine Spaziergänge". Vielmehr kommt erst in der Verknüpfung z. B. mit den erwähnten mikrotheoretischen Modellansätzen und mit der mikrotheoretischen Modellansätzen und mit der ökonomischen Theorie überhaupt der besondere Wert der wissenschaftlichen Arbeitsweise Gümbels zustande. Im Interesse der auf längerfristige Gültigkeit ausgerichteten Theorienbildung ist gerade dieses Merkmal bedeutend.

In der ersten Hauptphase ist als umfassende Publikation das Buch über "Die Sortimentspolitik in den Betrieben des Wareneinzelhandels" entstanden, in dem die Bedeutung begrifflicher Klärungen im Sinne von Ursachen und Wirkungen deutlich hervortritt. Die Diskussion der Determinanten zur Bildung von Teilsortimenten zeigt den Wert von Begriffserklärungen für die empirische Kontrolle. Die in formalen Modellstrukturen steckenden begrifflichen Klärungsprobleme werden heutzutage allzu gerne zugunsten einer brillanten Formalstruktur in selektiver Weise in den Hintergrund gedrängt. Die empirische Kontrolle aber bringt es an den Tag. Sie gelingt umso besser, je wohldefinierter der dahinterstehende Begriff ist. In diesem Sinne gewinnen auch die in der zweiten wissenschaftlichen Interessenperiode Rudolf Gümbels entstandenen quantitativ orientierten Arbeiten und späteren Publikationen eine besondere Qualität.

Mit den Arbeiten zur Unternehmensforschung hat Rudolf Gümbel entscheidende Pionierleistungen in der Handelsforschung vollbracht. Hierzu sind vor allem die Arbeiten zur Optimierung der Auftragspolitik, der Warengruppenstruktur und der Bearbeitung von Problemen der Standortwahl zu nennen. Die Einbeziehung von neueren Erkenntnissen des Rechnungswesens und der Methoden des Operations Research hat eine Neuorientierung der bis dahin deskriptiven Handelsforschung bewirkt. Mit diesen und weiteren Beiträgen hat Rudolf Gümbel wesentlich dazu beigetragen, dass über den Handelsbereich hinaus der Trend zur Entscheidungsorientierung der Betriebswirtschaftslehre auch in der Absatz- und Marketingtheorie frühzeitig seinen Niederschlag gefunden hat.

Es war auch Rudolf Gümbel, der mit großem Mut im Rahmen des Aufbaus des Management-Seminarprogramms am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon/Zürich zusammen mit dem damaligen Institutsdirektor, Hans Anton Pestalozzi, es 1967 wagte, die gesamte internationale Handelstagung unter das Motto "Unternehmensforschung im Handel" zu stellen. In dieser Schaffensperiode tritt das Bemühen um Integration deskriptiv-begrifflicher und quantitativer Aspekte im Rahmen der ökonomischen Theorie schon besonders hervor. Hierin liegt aber auch eine Wurzel zum Verständnis seiner positiven Beziehungen zur Tradition des betriebswirtschaftlichen Theoriegebäudes. Darauf soll später nochmals zurückgekommen werden.

Die dieser Phase auch zuzurechnenden Arbeiten über "Leerkosten" (1963), die "Bedeutung der Gewinnmaximierung als betriebswirtschaftliche Zielsetzung" (1964) und die bilanztheoretische Arbeit über Rieger unterstreichen schon sehr früh, dass Gümbel die Mahnung Banses, nie den Kontakt zur Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre zu verlieren, zu seinem Leitmotiv seiner wissenschaftlichen Arbeitsweise machte. Aus der Leitidee einer gegenseitigen Befruchtung der Speziellen Betriebswirtschaftslehre "Handel" mit der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre sind wichtige Arbeiten entstanden. Als Beispiele seien die Publikationen zu "Lagerkostenprobleme im Handel" (1981), "Zur optimalen Bestellmenge" (1982) und zu "Produktionsfunktionen im Handel" (1986) angeführt. Der Aufsatz über "Teilwert: Legaldefinition und Zurechnungsalgorithmus" (1987) ist nach Ansicht Moxters einer der wichtigsten Beiträge zu dieser Problematik in jüngster Zeit. Es handelt sich bei diesen Publikationen insgesamt um wichtige Diskussionsbeiträge, die eine Klärung der aufgeworfenen Grundprobleme bringen.

Im Rahmen seiner Integrationsbemühungen hat Gümbel den kostentheoretischen Grundproblemen eine ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet. In zahlreichen Arbeiten liefert er hervorragende Analysen zur Gemeinkosten- und Fixkostenproblematik, zur Preiskalkulation und insgesamt zum entscheidungsorientierten Rechnungswesen. Die Veröffentlichungen über "Handelsspanne und Preispolitik" (1989) in der Festschrift für Günter Wöhe, über "Theoretische Grundprobleme der Vollkostenrechnung" (1987) und über "Haben die Vollkostenrechner wirklich unrecht? Theoretische Grundlagen der Kostenrechnung" (1988) seien als ausgewählte Beispiele angeführt. Dabei versteht Gümbel seine Analysen durchwegs auf einem anwendungsbezogenen Hintergrund, wie dies zum Beispiel der Aufsatz über "Lagerkostenprobleme im Handel" in der Festschrift für Rolf Hanschmann deutlich belegt.

Mit seinem Buch "Handel, Markt und Ökonomie", das 1985 erschienen ist, gelingt Rudolf Gümbel eine hervorragende Analyse der Existenzbedingungen des Handels und der Berechtigung von Händlergewinnen in marktwirtschaftlichen Systemen. Handelsbetriebe sind nicht Ausgangspunkt der Analyse, sondern ihr Vorhandensein ist problematisch. Sein besonderes Verdienst ist in diesem Werk darin zu sehen, dass er die Analyse auf der Basis der ökonomischen Theorie im Lichte neuerer theoretischer Konzepte durchführt, diese zum Teil neu interpretiert und wesentlich erweitert. So überprüft er zum Beispiel den aus der mikroökonomischen Organisationstheorie bekannten, auf Coase (1937) zurückgehenden transaktionstheoretischen Ansatz daraufhin, inwieweit er zur Klärung der Rechtfertigkeit der Tätigkeit und Vorteilhaftigkeit des Handels herangezogen werden kann. Transaktionskosten sind jene Kosten, die zur Abstimmung arbeitsteilig organisierter Unternehmungen anfallen. Bringt man die Produktionskosten ausschließlich mit der sachlichen Produktion in Verbindung, so können die im Zuge der Leistungserstellung in Handelsunternehmen entstehenden Koordinationskosten nicht als Produktionskosten, sondern müssen als Transaktionskosten angesehen werden. In Handelsunternehmen gibt es keine Produktionskosten im engeren Sinne, es werden keine neuen Güter im Sinne von Waren geschaffen, sondern es kommt nach Gümbel zu einer Änderung der Transaktionstechnologie. Er führt zusätzlich die mengenmäßige Betrachtung der Input-Output-Relation bei der Beurteilung externer und interner Transaktionskosten ein und schafft damit eine produktionstheoretische Fundierung der Transaktionskostentheorie im Handel. Obwohl diese Überlegungen weit über das Konzept der Transaktionskosten hinausgehen, entsteht damit die Möglichkeit zur Analyse der Eigenschaften der Transaktionstechnologie. Insgesamt gesehen kann festgestellt werden, dass es Gümbel darauf ankommt, einzelne Probleme stets auf dem Hintergrund eines umfassenden theoretischem Bezugsrahmen zu betrachten. Theoretisch akzeptabel kann für Gümbel nur etwas seine, was längerfristigen Bestand hat. Daher braucht er Ansatzpunkte um beurteilen zu können, wie sich etwas entwickelt hat. In diesem Sinne ist Gümbel sehr traditionsbewusst. Die Tradition liefert heuristische Leitlinien für die Entwicklungsbeurteilung.

Der Rückgriff auf historische Vorläufer, wie Schär, Schumpeter, Oberparleitner, um nur einige zu nennen, impliziert nicht die Zwangsläufigkeit der Folge der theoretischen Lösungen, wohl aber gibt er einen begründeten Anlass zur Erwartung des Erfolges einer Theorie. Dies zu betonen, scheint mir wichtig, da ein möglicher Vorwurf extrem gegenwartsbezogen arbeitender Betriebswirte lauten könnte, die Historie bringe nichts und fessle nur. Betriebswirte sind geradezu "gezwungen", extrem gegenwartsbezogen zu denken. Bei der Lösung von drängenden Problemen der Gegenwart greift man notgedrungen auf gerade verfügbare Instrumente zurück. Die Kurzfristigkeit schlägt sich auch in einem massiven Erwartungsdruck nieder seitens der in Krisen geratenen Unternehmungen, vor Managementproblemen stehenden Universitäten und mit Problemen zu hoher Kosten konfrontierten Krankenhäusern. Die Anforderung an die Betriebswirtschaftslehre nach Lieferung von unmittelbar nutzbaren Lösungen von Gegenwartsproblemen birgt auch eine Gefahr: Der betriebswirtschaftliche Forscher kann dadurch leicht von der Erarbeitung längerfristig gültiger Lösungskonzeptionen bzw. Theorien abgehalten werden. Er verfällt dadurch leicht in einen gegenwartsbezogenen Aktionismus und verliert dadurch wertvolle Zeit. Dieses Dilemma ist keineswegs neu. Es tritt vielmehr schon im Zeitalter der Grundlegung abendländischer Wissenschaft überhaupt auf: Schon Platon verlangte deshalb in etwas überspitzer Weise eine völlige Lösung des wissenschaftlichen Denkens von den Erfordernissen der Alltagspraxis.

In diesem Sinne ist das Aussteigen Gümbels aus der harten Praxis der Managementschule im Gottlieb-Duttweiler-Institut auch ein Schlüsselereignis! Nach der intensiven Profilierung in der Praxis legte er damit eine Periode der kritisch-wissenschaftlichen Reflexion ein. Diese Ausführungen machen deutlich, dass Gümbel ein typischer Vertreter der neuzeitlichen Wissenschaft ist, die ihren Ausgangspunkt bei der Bewältigung von Alltagsproblemen hat, dazu aber gerade die längerfristigen theoretischen Konzepte in Anwendung bringen muss! Eine Laudatio soll nicht nur die wissenschaftlichen Leistungen des Ehrenpromovenden hervorheben. Sie soll vielmehr auch den Blick auf seine persönliche Weise zu wirken eröffnen.

Er hat stets versucht, einen Boden für vielseitige und fachübergreifende Diskussionen in seiner engeren und weiteren Umgebung zu schaffen. Sein Institut bzw. Seminar ist daher häufig ein attraktiver Treffpunkt nicht nur für die eigenen Mitarbeiter, sondern darüber hinaus für viele Kollegen aus den Nachbarinstituten.

Der Kontakt mit Forschern aus den verschiedenen Gebieten der Betriebswirtschaftslehre, aber auch der Volkswirtschaftslehre ist für Rudolf Gümbel eine wichtige Voraussetzung für eigenes wissenschaftliches Arbeiten. Das fachübergreifende Interesse für allgemeine Zusammenhänge auf wirtschaftlichem Gebiet ist für ihn gewissermaßen die Metaebene, um die Sachprobleme in dem Objektbereich der Handelsbetriebslehre besser lösen zu können. Dieses gute Klima hat auch zur besonderen Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses beigetragen, sowohl was die Breite der wissenschaftlichen Arbeitsfelder als auch die beträchtliche Zahl der Habilitanden angeht. Aus dem Kreis seiner Schüler wurde Hans Hermann Weber Professor für Operations Research, Karl Mathias Brauer hat eine Professur für Logistik, Verkehrsbetriebslehre und Touristik, Lothar Müller-Hagedorn und ich selbst sind auf den betriebswirtschaftlichen Fachgebieten Marketing und Handelsbetriebslehre tätig, und Jörg Biethahn ist Wirtschaftsinformatiker. Nicht sehr häufig erlebt man auf dem Boden der Universität, dass, wie es anlässlich des 60. Geburtstages von Rudolf Gümbel im Juni dieses Jahres der Fall war, die eigenen Studenten einen mit einer sehr groß angelegten Geburtstagsparty zu überraschen. Ebenso intensiv ist sein Engagement für seine Doktoranden. Dies betrifft sowohl die fachliche wie auch die persönliche Seite.

Es kann auch an dieser Stelle nicht auf die zahlreichen anderen Aktivitäten Rudolf Gümbels eingegangen werden, die für die Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre wichtig sind. Neben der Funktion als Mitherausgeber international anerkannter Zeitschriften wie die "Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung" und der langjährigen Herausgeberschaft der Zeitschrift "Marketing - Zeitschrift für Forschung und Praxis" hat sich Gümbel in der Anfangsphase große Verdienste um den Aufbau der Fernuniversität Hagen erworben, die durch Kooperationsabkommen eng mit Österreich verbunden ist. Mit Rudolf Gümbel zeichnet die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät einen weiteren Wissenschafter mit internationalem Ansehen aus, der sich besonders um den Fortschritt und die Integration der betriebswirtschaftlichen Teildisziplinen große Verdienste erworben hat.

Wir wünschen ihm noch viele Jahre voller Schaffenskraft, Gesundheit und viel Freiraum für wissenschaftliche Forschung und uns, dass er häufig zu Diskussionen und Vorträgen nach Graz kommen möge.