Vorlesung 1
Problemstellung
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1.2.1. Problemstellung

Grundlage dieser Einführung ist folgende Literatur:

Ritter, U.P.; Hohmeier, J.: Alterspolitik, eine sozio-ökonomische Perspektive, Oldenbourg, München, 1999

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Politik für ältere Menschen in Europa- Stand, Stellenwert und Entwicklungsmöglichkeiten der Seniorenpolitik in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft und den EFTA Staaten, Schriftenreihe Band 36, Stuttgart, 1994

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Zweiter Altenbericht, Wohnen im Alter, Bonn, 1998

Alber, J.; Schölkopf, M.: Die soziale Lage älterer Menschen in Deutschland und Europa, Fakultas, Amsterdam, 1999.

Diese Literatur werden wir auch in den folgenden Einheiten zugrunde legen.



Ähnlich der Situation in den meisten Industrieländern sind in der Bundesrepublik Deutschland und den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union die demographischen, soziostrukturellen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen, unter denen sich die Entwicklung unserer Gesellschaft vollzieht, einem langfristigen, kaum rückgängig zu machenden Wandel unterworfen: Der Entwicklung zu einer Altersgesellschaft. Gemeint ist damit das Altern der Gesamtgesellschaft, gekennzeichnet durch eine Zunahme des Durchschnittsalters der Gesamtbevölkerung und des Durchschnittsalters der erwerbstätigen Bevölkerung, des relativen Anteils der Über sechzigjährigen an der Bevölkerung und der absoluten Zahl der Alten und Hochaltrigen.

Die Ergrauung der Gesellschaft, der Altenberg, die Altenlast, die Zukunft des Generationenvertrags, die Finanzierung des Sozialstaats - das sind die Schlagworte, die die politische Debatte über ältere Menschen in den Gesellschaften Europas charakterisieren.

Beträgt der Anteil der über 60-jährigen zur Zeit etwa 23 % der Bevölkerung, so wird für das Jahr 2010 mit knapp 25 % gerechnet, für 2020 mit gut 28 %, für 2030 mit gut 33 %. Parallel dazu wird aufgrund der niedrigen Geburtenrate der Anteil der Jugendlichen von derzeit rund 21 % der Bevölkerung auf etwa 16 % (im Jahre 2040) sinken. Die Bevölkerungsgruppe zwischen 20 und 59 Jahren verdünnt sich in diesem Zeitraum von derzeit knapp 58 % auf 50 % im Jahr 2040.

Ausschlaggebend für diese Entwicklung sind drei Gründe:

  1. Ein starker Block von etwa 20 Geburtsjahrgängen des "Babybooms" führt dazu, daß kurz nach der Jahrtausendwende in der EU ein sehr großer Anteil an Rentnern leben wird. Dieses Phänomen tritt mit zeitlichen und zahlenmäßigen Variationen in allen europäischen Ländern auf.
  2. Die Lebenserwartung ist in den letzten Jahrzehnten immer länger geworden. Dieser Trend wird sich fortsetzen.
  3. Seit einem Vierteljahrhundert ist die Geburtenrate massiv gesunken und bisher gibt es nur zaghafte Ansätze zu einem Wiederanstieg.

Dieser demographische Prozeß wird mit vielen Problemen und Ängsten verbunden. In der Presse wird er mit Schlagworten wie "Deutschland vergreist", "Die Überalterung der Gesellschaft", "Die Graue Revolution", "Aufstand der Jungen gegen die Alten", "Der Generationenkrieg" und ähnlichem beschrieben. Diese Schlagzeilen sind sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus politischer Sicht weder haltbar noch hilfreich.

Die demographische Herausforderung mit ihren Konsequenzen für die Finanzierung der Renten, für die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften und für die Politikgestaltung ist ein Phänomen, das zwar einige Länder stärker betrifft als andere, dem aber keines der in EU und EFTA zusammengeschlossenen Länder entgeht.

In diesem Sinne besteht die Aufgabe dieser Veranstaltung darin, zum einen die demographische Entwicklung der Bevölkerung und die damit verbundenen sozio-ökonomischen Konsequenzen aufzuzeigen; zum anderen werden Problembereiche und darauf aufbauend gesellschafts- und wirtschaftspolitische Interventionsmöglichkeiten identifiziert, damit ein erfolgreiches Altern des Individuums und der Gesellschaft insgesamt möglich wird. Denn angesichts des o.g. demographischen Wandels wird eine Alterspolitik erforderlich, die mehr ist als eine Sozialpolitik für ältere Menschen. Ziel dieser Alterspolitik ist es, ein "erfolgreiches Altern" zu ermöglichen.

Folgende Punkte benennen die wesentlichen Dimensionen der demographischen Herausforderung:

Alterspolitik bestimmt sich durch die Komplexität der miteinander verwobenen Politikfelder und wirtschaftlichen Entwicklungen. Deutlich wird dabei die Einbettung der Alterspolitik in viele Politikbereiche, die sich auf Senioren - aber auch allgemein auf die Gesellschaft auswirken. Es gilt in diesem Zusammenhang zu betonen, daß nicht allein demographische und finanzielle Entwicklungen die Alterspolitik dominieren müssen. Verhaltensweisen und gesellschaftliche Interaktionsformen verändern sich zusammen mit der ökonomischen und sozialen Entwicklung, so daß eine mechanische Hochrechnung gegenwärtiger Konstellationen an der Realität vorbeigeht. Ausgabensteigerungen in den Sozialhaushalten werden offensichtlich nicht nur durch die demographische Entwicklung hervorgerufen, sie lassen sich vielmehr auf bestimmte politische Entscheidungen zurückführen. Die Erhöhung des Leistungsniveaus in den letzten Jahrzehnten und besonders die Förderung des Vorruhestandes haben wesentlich die Erhöhung der Ausgaben für Renten aber auch für den Gesundheitsbereich verursacht. (Nicht zu vergessen ist dabei, daß die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen auch volkswirtschaftliche Einkommen schafft.)

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